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Wie du geboren wurdest (3)

Die Geburt - Vertreibung aus dem Paradies

Jede Geburt hat andere Folgen. Sie kann zur lebenslangen Stütze werden, das Fundament des Urvertrauens sein, oder sie verdirbt durch ihre Auswirkungen jeden Tag des Daseins.

Das erregendste, eindrücklichste Ereignis im Leben des Menschen ist die Geburt. Im gesamten Leben gibt es kaum etwas, das eine derart umfassende und aufwühlende Erregung erzeugen kann, an welcher sich, in einer Signalfunktion, jedes Erregungserlebnis über das ganze Leben hindurch misst. Während neun Monaten sind wir in der geschützten Zweisamkeit im 'Paradies'. Dort können wir, wenn möglich, ungestört und im Dialog mit der Mutter, unseren Organismus aus den Bausteinen der Jahrmillionen-Erfahrung des Lebens aufbauen. Am Ende der Paradieszeit wird der uns umgebende Druck allmählich größer. Die Beengung ruft nach Befreiung, auf die hin das Kind seine Kräfte sammelt. Vor der Befreiung sind eine Freude und Lust fühlbar. Die bald darauf einsetzende Erregung resultiert aus der aufs höchste geforderten Körperaktivität. Dies müsste an sich wiederum ein Lustereignis sein, falls die walkende, massierende Anstrengung der Geburt als ein voller Erfolg erlebt werden darf. Mit Körperempfindungslust, mit Freuden geboren zu werden, sich geborgen zu finden, tatsächlich willkommen zu sein, das wäre der erwünschte Start ins Leben.

Dieser Start ist aber nur allzu oft eine brutale, schmerzhafte Vertreibung aus dem 'Paradies'. Manchmal ist es der Übertritt von der Hölle in die Folterkammer des Gebärraumes. Hier wird 'nichts ahnend' ein Lebewesen gefoltert, das in Zukunft ein orientierungsfähiger Mensch werden soll. Das Unbewusste des Kindes wird diese Austreibung und Verstoßung nie vergessen. Vor der Befreiung aus der Enge hat es Freude und Lust verspürt, gewissermaßen als Befindlichkeit am Anfang des Erlebens. Wenn nun das Ereignis, mit hochgradiger Erregung einhergehend, als Folterqual endet, wird im stammesgeschichtlichen Repertoire des Kindes dafür keine Erklärung zu finden sein. Begriffe, mit welchen es dieses Monstergeschehen ordnen könnte, hat es noch keine. Das Kind fühlt sich durch eigenartige Kräfte misshandelt, gerissen, gequetscht, gestoßen, geprügelt, kopfunten aufgehängt, erdrosselt und erstickt. Hier kann nur körpereigene Betäubung Rettung bringen, um die Folterung ohne Schaden zu überleben. Bestünde diese Möglichkeit im Organismus nicht, so würde die Schmerzüberlastung Organverletzungen oder gar den Tod verursachen. Das Hinübersinken in die Ohnmacht hindert den Körper nicht daran, die für das Überleben notwendigen 'Daten' im Unbewussten zu speichern. So werden auch Randerscheinungen, die später der Erkenntnis und Deutung harren, vor und nach dem Blackout sehr genau erfasst. Das gequälte Menschlein wird in der Zwischenzeit schemenhaft Dinge und Gestalten wahrnehmen, die für das Geschehen zum Erinnerungsträger werden. Wenn der Mensch später seine Erinnerungen aufarbeitet, werden solche Speicherungen von Nutzen sein. Wenn er es aber nicht tut, werden diese in seinen Angstträumen als Gespenster auftauchen und im Alltag Verwirrung stiften oder sogar körperliche Schädigungen bewirken. Nachdem der Körper diese fürchterlichen Traumatisierungen registriert hat, ist es nicht verwunderlich, dass dieses Ereignis als Inbegriff der Hölle aufgefasst, im Unbewussten als Schrecken aller Schrecken deponiert und als Warnung vor Todesqualen gespeichert wird.

Man stelle sich einmal einen Arzt vor, wie er einen Säugling aus seinem Bettchen zieht, an den Füßen hält, so hängen lässt und schlägt. Er würde auch in unserer Kultur als verrückt und gemeingefährlich gelten. Aber ein paar Tage vorher, bei der Geburt, gilt das als medizinisch indiziert. Dies passiert zu einem Zeitpunkt, da das menschliche Zentralnervensystem am empfindlichsten und lernfähigsten ist. Der Mensch wird nach der Geburt gewissermaßen von Tag zu Tag vergesslicher, weil er immer mehr Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten hat. Das Neugeborene hat noch keine anderen Erfahrungen mit der Außenwelt als die im Mutterleib. Es ist erstaunlich, wie wenig Sorgfalt und Schonung diesem kleinen Menschen zukommt, in der Zeit seines Lebens, in der er am empfindlichsten und verletzlichsten ist.