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Wie du geboren wurdest (2)

Unbewusste Verleugnung von Schuld

Ich kann nicht leben, wenn ihr mich nicht wollt und nicht lieben könnt.

Das ist die unausweichliche Konsequenz für jedes Kind, das unwillentlich gezeugt und daher nicht geliebt wurde. Zum Glück findet ab und zu ein Kind einen Menschen außerhalb der engsten Familie, von dem es geliebt wird. Es kommt nicht häufig vor – das zeigen der Zustand und die Not der Menschen nur zu deutlich. Es gibt keine Gründe, es sei denn egoistische, ausbeuterische und menschenverachtende, bewusst Menschen in die Welt zu setzen, ohne sie zu lieben. Unbewusst geschieht dies aber Tag für Tag, tausendfach, ein täglicher Zuwachs an zerstörerischem Potential. Ein täglicher Zuwachs an Gehilfen des Untergangs, die blind und verantwortungslos in die Welt gesetzt werden, um sich selbst oder die Umwelt zu zerstören.

Der Mensch, in der Vorzeit ein scheues Tier, hat die Macht auf der Welt ergriffen, deshalb ist er das verantwortliche Lebewesen auf diesem Planeten. Jeder einzelne muss sich alsbald seiner Verantwortung bewusst werden, wenn der Zerstörung des Lebens, noch vor dem Schwinden der Ressourcen, Einhalt geboten werden soll.

Darum beginnt die Verantwortung für das Ganze beim Einzelnen. Und dieser kann sie nur wahrnehmen, wenn er sich seiner selbst und seiner Umwelt bewusst ist. Die Eltern haben es in der Hand. Sie können sich in Frage stellen. Das Kind kann das erst mit der Zeit und dies auch nur, wenn seine Integrität bewahrt wurde. Menschen, die nicht bewusst werden durften und dadurch ihre eigenen Kinder belastet oder geschädigt haben, tun sich schwer mit ihrer Schuld. Ohne Hilfe von außen werden sie alles unternehmen, um nicht merken zu müssen, was für traurige Konsequenzen ihr Verhalten bewirkt hat.

In einer Kultur, die Verantwortung in letzter Instanz auf 'Höhere' abschiebt, ist die Verleugnung von Schuld die Regel.

Mit Schuld behaftet zu sein ist nicht unbedingt die Folge von verbrecherischen Untaten. Schuld ist vor allem das Schuldiggebliebensein, das Nichtvermittelt-, das Nichterfüllt- und das Nichtgesorgthabenkönnen. Objektiv kann man nur dem Kind etwas schuldig sein, weil es bedürftig ist. Schuldig machen kann sich prinzipiell nur der Mächtige gegenüber dem Ohnmächtigen. Was kann denn ein noch so zorniges Kleinkind gegen seinen Vater ausrichten? Eltern brauchen auch keinen Gehorsam von ihren Kindern. Kinder lernen schnell und werden das Richtige nachmachen, vorausgesetzt, man ist in der Lage, das Richtige vorzuleben.

Heute wird jeder Mensch mit 'allem' konfrontiert. Da er nicht mehr in der Geborgenheit kleiner, geschlossener Gruppen heranwächst, ist die Geborgenheit in der Familienzelle von besonderer Wichtigkeit. Die geschützte Geborgenheit einer Kindheit bildet die Voraussetzung zur Bewusstwerdung als Mensch. Ein Kind, das furchtlos zu kommunizieren lernt, ist fähig, viele Dinge und Verhältnisse genau zu erfassen und die Welt in allen Teilen zu verstehen.