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Du sollst nicht merken (9)

Die Tragik des hinnehmenden und alles verzeihenden eigenen Kindes.

Es wäre viel leichter, sich von dem quälenden Druck des Geheimnisses zu befreien, ohne krank werden zu müssen, wenn der missbrauchende Erwachsene nicht zugleich der geliebte und oft Mitleid erregende Vater wäre. Dem Kind bleibt ja kaum etwas anderes übrig als die Hoffnung, dieser beängstigende und kranke Vater könne dank der Fügsamkeit des Kindes doch eines Tages zu dem Vater werden, den es so dringend braucht: zum zärtlichen, aber nicht ausbeutenden, wahrhaftigen und vertrauenswürdigen Menschen. So fährt das Kind fort, alles von ihm Erwartete zu erfüllen und das Geheimnis zu hüten. Es versucht, dabei 'normal' und 'ruhig' zu wirken und alles zu verzeihen, wobei sein wahres Selbst, die Ganzheit seiner Gefühle, unter denen auch Gefühle von Wut, Empörung, Ekel, Scham, Rachsucht enthalten sind, abgetötet bleibt. Da der Seelenmord nicht vollständig gelingen kann, bleiben die abgespaltenen Gefühle im Unbewussten und werden erst aktiv, wenn das Kind im erwachsenen Alter einem Partner begegnet, dem es ohne Angst diese Gefühle zumuten kann. Sollte dies beim Partner nicht möglich sein, weil er solche Gefühlsausbrüche mit ähnlichen quittieren könnte, so wird es auf jeden Fall mit dem eigenen Kind ohne Schwierigkeiten gelingen. Das eigene Kind wird mit Sicherheit alle Affektausbrüche und Misshandlungen wehrlos hinnehmen und alles verzeihen. Doch diese tragische Toleranz des Kindes ist zugleich dafür verantwortlich, dass es sich nicht verteidigen, den Missbraucher nicht anzeigen und oft die Gewalttat nicht als solche erkennen kann.

Es ist seit Jahrtausenden üblich und erlaubt, dass Kinder zur Befriedigung verschiedener Bedürfnisse gebraucht werden. Sie sind billige Arbeitskräfte, sie eignen sich zur Entladung aufgestauter Affekte, als Container für ungewollte eigene Gefühle, als Projektionsscheiben der eigenen Konflikte und Ängste, als Prothesen für das angeschlagene Selbstwertgefühl, als Quelle der eigenen Macht und Lust. Unter all diesen Formen des Missbrauchs des Kindes kommt dem sexuellen Missbrauch eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie ergibt sich aus der überragenden Rolle des Sexuellen in unserem Organismus und aus der Verlogenheit, die das Sexuelle in unserer Gesellschaft immer noch umgibt.

Da das Schlagen, Quälen, Entwürdigen und Demütigen der Kinder bis jetzt als Erziehung zu ihrem eigenen Wohl verstanden wurde, fanden solche Aktionen meistens nicht im Geheimen, sondern in aller Öffentlichkeit statt. Noch heute gibt es viele Menschen, die von diesen Erziehungsprinzipien voll überzeugt sind, und daher scheut das Schlagen des Kindes nicht das Tageslicht; es lässt sich überall beobachten. Das kann die Chance mit sich bringen, dass das Kind im glücklichen Fall einen Zeugen findet, der genug Mut hat, um ihm beizustehen und es zu verteidigen, weil er weiß, wie eine solche Demütigung wehtut. Diese Stütze kann dem Kind helfen wahrzunehmen, dass ihm ein Unrecht geschah, und ihm dadurch ermöglichen, dieses traurige Stück der Realität in seine Geschichte zu integrieren. Es braucht sich dann nicht sein Leben lang für das Geschehen zu beschuldigen. Doch im Falle des sexuellen Missbrauchs, der sich, im Gegensatz zum Schlagen, meistens im Schutz der Dunkelheit und im Verborgenen abspielt, ist die Chance, einen mutigen, helfenden Zeugen zu finden, der die Integration des Erlebten ermöglicht, viel geringer. Diese Integration kann vom Kind allein nicht geleistet werden. Es bleibt ihm also nichts anderes übrig, als diese Erinnerung aus dem Gedächtnis zu verdrängen, weil die Schmerzen der Angst, der Isolierung, der betrogenen Liebeserwartung, der Hilflosigkeit, der Scham- und Schuldgefühle nicht auszuhalten sind. Die rätselhafte Sprachlosigkeit des Erwachsenen und der Widerspruch zwischen seinem Tun und seinen bei Tageslicht verkündeten moralischen Prinzipien und Verboten erzeugt im Kind zusätzlich eine unerträgliche Verwirrung, die es mit Hilfe der Verdrängung loswerden muss.