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Du sollst nicht merken (8)

Achte dein Kind, so wird es auch später sich selbst und andere achten können.

Das Gegenteil gilt für die Dichter: Sie leiden unter der Grausamkeit, die nicht nur sie persönlich erleiden müssen, und sie leiden doppelt, weil sie meistens damit allein sind, weil man ihnen nicht glaubt, man ihnen ihr Wissen auszureden versucht, um es ja nicht selber wahrnehmen zu müssen. Sie werden, wenn unbekannt, als Spinner verachtet, oder, wenn berühmt, als große Propheten bewundert und gefeiert, immer aber unter der Voraussetzung, dass die Quelle ihres Wissens für die Gesellschaft verborgen bleibt. Diese Bedingung war nicht schwer zu erfüllen, weil den Dichtern selber die Quelle ihres Wissen verborgen blieb, tief in ihr Unbewusstes verdrängt, und weil sie selber überzeugt waren, die Inhalte ihrer Werke der Eingebung eines Geistes, einer Gottheit oder ihrem Talent zu verdanken. Kommt aber ein Dichter auf die Idee, über seine Kindheit zu schreiben, wie das im letzten Jahrzehnt immer häufiger geschieht, dann wird er schnell mit der Feindseligkeit der Gesellschaft konfrontiert, die in der Entidealisierung und im Grunde auch Vermenschlichung der Eltern eine Gefahr für ihre jahrtausendealten Gewohnheiten und Rechte sieht.

Es wird im allgemeinen kaum bestritten, dass sich in Märchen tiefe Lebenserfahrungen ausdrücken, dass Märchen also in bildhafter, gleichnishafter Form Wahrheiten mitteilen. Andererseits haftet dem Wort Märchen auch die Bedeutung von 'Lüge' an, z.B. in der Wendung "Erzähle keine Märchen". Eine ähnlich widersprüchliche Bewertung lässt sich in Bezug auf Träume beobachten. Wer mit dem Unbewussten arbeitet, weiß welch unerhörte Quelle von Erkenntnis über das einzelne Leben Träume abgeben können, zugleich aber trösten wir uns manchmal mit Sätzen wie: "Es ist ja nur ein Traum" oder gar "Träume sind Schäume". Diese Ambivalenz spiegelt unsere Einstellung zur Wahrheit überhaupt: wir wollen sie kennen und wollen es zugleich nicht, weil sie wehtut, Angst machen kann, uns überfordert, uns die geliebten Illusionen und die Geborgenheit der Täuschung nimmt.

Es gibt viele Menschen, die ihr Leben lang am Verhungern sind, obwohl sich ihre Mütter pflichtbewusst und besorgt um ihr Essen, ihren Schlaf und ihre Gesundheit gekümmert haben. Dass diesen Menschen in sehr vielen Fallen trotzdem das Entscheidende gefehlt hat, scheint auch unter Fachleuten noch wenig bekannt zu sein. Dass die seelische Nahrung des Kindes aus dem Verständnis und dem Respekt seiner ersten Bezugspersonen geschöpft wird und nicht durch Erziehung und Manipulation ersetzt werden kann, ist noch keineswegs Allgemeingut unsrer Gesellschaft. In den Zehn Geboten heißt es: "Achte Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe", es steht aber nirgends: "Achte dein Kind, so wird es auch später sich selbst und andere achten können." Daher muss das hilflose Opfer bei uns damit rechnen, dass es nicht beschützt, sondern beschuldigt und beschämt wird, während der Täter Verteidigung findet. Diese Haltung der Gesellschaft lässt sich in der Gerichtspraxis in Sachen Vergewaltigung sehr genau beobachten und ist besonders verhängnisvoll, wenn es sich um Vergewaltigung von Kindern handelt, denn hier, gerade hier, werden sich die Wurzeln neuer Gewalt bilden. Es ist ein alter Aberglaube zu denken, dass man dem Kind ohne Folgen Leid zufügen könne, weil es 'noch so klein' sei. Das Gegenteil ist wahr, aber noch wenig bekannt: Das Kind vergisst nur scheinbar das, was man ihm angetan hat, denn in seinem Unbewussten hat es ein fotografisches Gedächtnis, das nachweisbar unter bestimmten Umständen reaktiviert werden kann. Wenn diese Umstände aber nicht vorhanden sind, wenn jede Erinnerung fehlt und die Kindheit stark idealisiert bleibt, wird der spätere Erwachsene häufig in Gefahr sein, andere Menschen oder sich selbst in einer ähnlichen Weise zu quälen, wie er einst gequält wurde, ohne sich allerdings an die Vergangenheit erinnern zu können. Um die Täter, die 'Respektspersonen', vor den Vorwürfen ihrer Opfer zu schonen, wird in unserer Gesellschaft, auch von den Fachleuten, der Zusammenhang zwischen dem in der Kindheit Erlittenen und den späteren Krankheitssymptomen hartnäckig geleugnet oder verwischt und bagatellisiert.