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Du sollst nicht merken (7)

Die Opferung des Kindes wird in der Erziehung gesellschaftlich legitimiert.

Das alles ist also nicht geheim und nicht neu. Neu ist vielleicht nur die Erkenntnis, dass dies nicht ohne Folgen für das einzelne Individuum und daher auch für die ganze Gesellschaft sein kann. Aber müssten nicht alle praktischen Bemühungen als Heuchelei angesehen werden, wenn sie von der Voraussetzung ausgehen sollten, dass die gesellschaftlich legitimierte Opferung des Kindes, u.a. dessen legaler gesetzlicher Gebrauch als Eigentum für die Bedürfnisse der Eltern, die man Erziehung nennt, keine Folgen für die späteren Erwachsenen und für die Gesellschaft haben? Die Fähigkeit, fremdes Leiden zu erfassen und zu verstehen, hängt vor allem von dem Grad ab, in dem das Leiden der eigenen Kindheit erlebt wurde. Dies scheint mir also der erste Schritt zur Sensibilisierung für das Kindheitsgeschehen zu sein. Die Erziehungspraktiken der Eltern lassen sich nicht in einer Generation ändern, weil sie in den Verinnerlichungen der frühen Kindheit wurzeln.

In den alten Erziehungsschriften wurde regelmäßig empfohlen, so früh wie möglich dem Kind 'seinen Willen zu nehmen', seinen 'Eigensinn' zu bekämpfen, und es immer im Gefühl der eigenen Schuldigkeit und Schlechtigkeit zu belassen; man dürfe niemals den Eindruck aufkommen lassen, dass der Erwachsene sich täuschen oder einen Fehler begehen könnte, dem Kind niemals die Entdeckung der Grenzen des Erwachsenen ermöglichen, sondern solle im Gegenteil eigene Schwächen vor ihm verbergen, ihm die göttliche Autorität vortäuschen. Das ist eine seelische Kastration; man nimmt ihm etwas Entscheidendes weg, nämlich seine eigene Art, sich zu artikulieren.

Es mag noch viele Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte dauern, bis die Menschheit das in ihrem Unbewussten gespeicherte Wissen nicht mehr als Schäume, als kranke Phantasien verrückter oder einzelner Dichter sehen wird, sondern als das, was sie sind, nämlich Wahrnehmungen der Realität aus der Zeit der frühen Kindheit, die ins Unbewusste verdrängt werden mussten und dort die nie versiegbare Quelle sowohl des künstlerischen Schaffens, der Phantasietätigkeit überhaupt, der Märchen und Träume bilden. Sobald sich dieses Wissen  als pure Phantasie legitimiert, kann es überall freien Einzug halten. Es kann als Kunst bewundert, in den Märchen als 'Weisheit der Ahnen' weitergegeben und in Träumen als Ausdruck des ewig gleich bleibenden, kollektiven Unbewussten gedeutet werden. Wir sind stolz auf dieses unser Kulturgut, auf die Weisheit, auf 'das Wissen vom Guten und Bösen' das wir besitzen, ohne dass uns dieses Wissen stark berühren müsste. Wir können unseren Kindern Märchen vorlesen, weil doch das Kind 'auch etwas über die Grausamkeit der Welt erfahren sollte', wir können mit großer Unverbindlichkeit und intellektueller Kenntnis über die Gemeinheit der so genannten Gesellschaft schreiben, aber realisieren emotional die Grausamkeit erst, wenn der Stein der rebellierenden Jugend in unsere eigenen Fenster schlägt. Dann kann es vorkommen, dass Menschen, die sich hauptberuflich mit der Gesellschaft befassen, die z.B. als Historiker seit Jahren über die Christenverfolgung im alten Rom, über die Kreuzzüge, die Inquisition, die Hexenverbrennungen, die unzähligen Kriege unterrichten, sagen können, dass die Gewalt in unserer Zeit Folge der antiautoritären Erziehung sei. Für diese Menschen gibt es Gewalt erst, wenn sie sich gegen sie richtet, weil für sie alles, was sie in der Schule und an der Universität gelernt haben, eine nur abstrakte und keine lebendige Bedeutung hat.