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Du sollst nicht merken (6)

Das Gift der ersten Machtausübung.

Es ist zweifellos für die Menschheit kränkend und unbequem zu erfahren, dass die bisher gut verborgenen (und wegen der eigenen Erziehung so notwendigen) Ventile, die man in der Erziehung der eigenen Kinder gefunden zu haben glaubte, sich nun als Gift für die nächste Generation erweisen. Was soll man ohne diese Ventile tun? Diese Situation ist heute nicht besser als damals und mit der Zunahme der Bevölkerungszahl noch gravierender. So steht man vor der schweren Entscheidung, das Gift der ersten Machtausübung, das wir von Anfang an in uns speichern, um es unseren Kindern zukommen zu lassen, zu benennen und zu erkennen, dass es sich damit nicht um die Beschuldigung der einzelnen Eltern handelt, die ja selber Opfer dieses Systems sind, sondern um das Wahrnehmen einer verborgenen gesellschaftlichen Struktur, die wie kaum eine andere unser Leben bestimmt; sie lässt sich in sehr verschiedenen Gesellschaftsformen finden, wenn man sie einmal durchschaut hat. Doch diese Entscheidung muss notgedrungen Angst machen, wenn man im Geiste der Pädagogik aufgewachsen ist, und das gilt zweifellos für die meisten von uns. So ist es also gut begreiflich, wenn die Angst vor dem Zorn der Eltern, die Angst des Kindes vor dem Verlust ihrer Liebe, uns nötigt, auffallende gesellschaftliche Zusammenhänge zu übersehen, in der Hoffnung, damit unsere Eltern schonen zu können.

Wenn es aber gelingt, diese seine aus der frühesten Kindheit stammende Angst zu erleben und zu verarbeiten, kann er sich vielleicht fragen: "Brauchen die Eltern immer noch meine Schonung wie zu meiner Kinderzeit, oder kann ich ihr Verhalten besser verstehen, wenn ich sie als Teile eines allgemeinen Systems sehe, dessen Opfer sie genauso wie ich sind? Komme ich meinen verstorbenen oder noch lebenden Eltern nicht näher, wenn ich diese unsere gemeinsame Tragik erkenne, ohne sie beschönigen zu wollen? Es ist ja gerade das Beschönigen, Verleugnen, Zudecken, das mir einst in der Kindheit so zu schaffen machte. Ich weiß von mir und meinen Patienten, welcher Preis dafür vom Kind zu zahlen ist und wie gefährlich es sein kann, wenn Gift in Schokoladenpackung verborgen bleibt. Eltern, die diese Schokolade in bester Absicht gekauft haben und sie ihren Kindern gaben, sind doch völlig unschuldig."

Wenn es einem einzelnen Menschen gelingt, sich der Wahrheit seiner frühen Kindheit zu nähern und sich von den früh verinnerlichten Tabus und Zwängen der Erziehung zu befreien, dann ist das ein gesellschaftliches Faktum und nicht nur eine rein private Angelegenheit. Auch wenn dieser Mensch seinen Eltern nicht so leicht verzeihen kann wie ein gut erzogenes Kind, weil er die tiefen Wunden erst anfängt wahrzunehmen, wird seine Umgebung von ihm profitieren. Denn er wird nicht in Versuchung kommen, andere zu erziehen, an ihre Versöhnungsbereitschaft, ihr Verständnis für die Eltern, ihre Vernunft zu appellieren; er wird wissen, dass man gerade durch diese Versuche als Kind krank geworden ist, und es wird ihm ein Anliegen sein, diese Wahrheit bei sich selber nicht zuzudecken. Aber gerade das hat bereits eine politische Bedeutung, denn die Unwahrheit entlarvt sich von selbst, wenn in der Menge nur einer da ist, der die Verleugnungen nicht mitmacht; wenn wie in Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider, der spontane Ruf des Kindes dem Erwachsenen dessen verlorene Wahrnehmungsfähigkeit zurückgibt.

Und trotzdem, trotz der auffallenden gesellschaftlichen Verdrängung, trotz der Schonungsbedürftigkeit unserer Eltern – die Opferung der Kinder ist eigentlich kein Geheimnis. Sie wird in der Bibel nirgends verheimlicht und von der Vernichtung der schwachen Säuglinge in Sparta lernen wir ja bereits in der Schule; niemand hat sie je bestritten. Auch heute noch ist es in bestimmten Kreisen eine Selbstverständlichkeit, dass ein ungewolltes Kind nicht abgetrieben, sondern statt dessen einer von niemandem gewünschten Existenz, als Opfer ausgesetzt werden soll. Ebenfalls gut bekannt sind die Fälle grausamer Machtausübung der Eltern über ihre bereits erwachsenen Kinder, in denen diese gezwungen werden, verhasste Berufe auszuüben oder gegen ihre Gefühle und Neigungen zu heiraten.