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Du sollst nicht merken (5)

Das Kind ist seit Jahrtausenden das Opfer des Erwachsenen.

Würde man ein Kind immer an der Hand führen und ihm damit die Möglichkeit nehmen, seine eigenen Wege zu gehen, würde es mit der Zeit keine Entdeckungen mehr machen. Es gibt Väter, die ihre Kinder auf ihre Weise sehr lieben, sie beschützen, sie in ihre geistige Welt einführen möchten und so von dieser Idee besessen sind, dass sie sich, gerade weil sie ihr Kind als Erweiterung des eigenen Selbst erleben, kaum vorstellen können, dass diese Kinder die Welt anders sehen könnten als sie selber. In einer solchen Art von Geborgenheit ist die Lebendigkeit und Entwicklungsfähigkeit des Kindes aufs schwerste gefährdet. Es ist seinem Vater für so vieles dankbar (für das Leben, für die Liebe, für das Wissen, das er ihm vermittelte) und verzichtet zunächst gern auf Schritte, die dem Vater wehtun könnten. Wenn aber sein Drang, das eigene Selbst zu artikulieren, sehr groß ist, dann wird es entweder psychisch krank oder es muss sich entscheiden, dem Vater wehzutun. Die Konsequenzen hängen vom Reifegrad des Vaters ab.

Dass das Kind seit Jahrtausenden das Opfer des Erwachsenen ist, geht aus unzähligen Zeugnissen und Ratschlägen seit König Salomo hervor. Trotzdem wird dieser Gedanke kaum je direkt ausgesprochen. Es war schon immer so, dass nicht Grausamkeit Empörung in der Öffentlichkeit hervorruft, sondern die Hinweise auf die Grausamkeit. Die Opferung des Kindes ist nirgends verboten, verboten ist vielmehr, darüber zu schreiben.

Je einseitiger die Gesellschaft darauf aufgebaut ist, strenge moralische Prinzipien wie Ordnung, Sauberkeit, Triebfeindlichkeit zu verwirklichen, je gründlicher sie die andere Seite des Menschen: Lebendigkeit, Spontaneität, Sinnlichkeit, Kritikfähigkeit und innere Unabhängigkeit des Individuums fürchtet, um so mehr wird sie bestrebt sein, ihre verborgenen Enklaven der anderen Seite des Menschlichen zu hüten, mit Schweigen zu schützen oder sie zu institutionalisieren. Die Prostitution, das Pornogeschäft und die beinahe obligatorische Obszönität in Männergesellschaften, wie z.B. im Militär, gehören zu den legalen, ja notwendigen Kehrseiten dieser Sauberkeit und Ordnung. Diese Spaltung des Menschen in den Guten, Frommen, Angepassten, Braven und den anderen, der das pure Gegenteil des ersten ist, ist vielleicht so alt wie die Menschheit, und man könnte sich damit abfinden zu sagen, dass sie zur 'menschlichen Natur' gehöre. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass bei Menschen, die in ihrer Analyse die Möglichkeit gefunden haben, ihr wahres Selbst zu suchen und zu leben, die Spaltung von selber verschwand. Sie empfinden beide Seiten, sowohl die angepasste wie die so genannte obszöne, als zwei Extreme des falschen Selbst, das sie nicht mehr brauchten. Solche Erfahrungen bringen mich zu der Frage, ob es nicht doch einmal möglich sein wird, Kinder so aufwachsen zu lassen, dass sie später mehr Selbstachtung für alle Seiten ihres Wesens haben können und dass sie nicht gezwungen wären, verbotene Seiten so stark zu unterdrücken, bis diese in gewalttätiger und obszöner Form ausgelebt werden müssen.

Obszönität und Grausamkeit sind keine wirkliche Befreiung von Zwängen, sondern ihr Nebenprodukt. Freie Sexualität ist niemals obszön, und der freie Umgang mit eigenen aggressiven Regungen, das Zulassenkönnen von Gefühlen wie Zorn und Wut als Reaktionen auf reale Frustrierungen, Kränkungen und Demütigungen führt niemals zu Gewalttätigkeit.

Wie konnte es dazu kommen, dass die oben geschilderte Spaltung so selbstverständlich der menschlichen Natur zugeschrieben wird, wenn es immerhin Beweise dafür gibt, dass sie ohne Willensanstrengung und ohne moralische Gesetze überwindbar ist? Ich finde keine andere Antwort auf diese Frage als die Tatsache, dass sich diese beiden Seiten des Menschen in der Erziehung und der Behandlung der Kinder sehr früh fortgepflanzt haben und die daher als die 'menschliche Natur' angesehen werden. Das gute falsche Selbst bekam man durch die so genannte Sozialisierung, durch die Normen der Gesellschaft, die die Eltern bewusst und gewollt vermittelten, und das 'böse', auch falsche Selbst wurzelte in den frühesten Wahrnehmungen des elterlichen Verhaltens, das nur dem eigenen, als Ventil gebrauchten Kind gegenüber unverstellt bleiben durfte. In dessen anhänglichen, arglosen Augen freundlich aufgenommen, in dessen Unbewusstem gespeichert, fungierte es von Generation zu Generation als die selbstverständliche 'menschliche Natur'.