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Du sollst nicht merken (4)

Die Zeit der frühen Kindheit ist von entscheidender Bedeutung für die emotionale Entwicklung.

Wenn wir Herodes als ein Symbol der Gesellschaft auf unsere heutige Gesellschaft übertragen können, dann lassen sich in der Geschichte Jesu Elemente finden, die wir (je nach der gemachten Erfahrung) als Argumente sowohl für als auch gegen die Erziehung gebrauchen können: einerseits der Kindermord und die Normen der Gesellschaft und andererseits ungewöhnliche Eltern, Diener ihres Kindes, die dem Glauben der Pädagogen zufolge einen Tyrannen hätten heranziehen müssen. Die in Herodes personifizierte Gesellschaft fürchtet die Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit der Kinder und versucht, sie zu vernichten, aber die gelebte Wahrheit ist nicht umzubringen, auch wenn die staatlichen und kirchlichen Funktionäre der Gesellschaft sich der Verwaltung der Wahrheit 'annehmen', um sie zu beseitigen. Die stets wiederkehrende Auferstehung der Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken, sie wird immer wieder von einzelnen Menschen gelebt und bezeugt werden. Die Kirche als gesellschaftliche Institution hat mehrmals versucht, diese Auferstehung zu verhindern, indem sie z.B. im Namen Christi zu Kriegen aufrief und den Eltern das Abtöten der kindlichen Seele (der kindlichen Gefühle) im Namen der heiligen Erziehungswerte (Gehorsam, Unterwerfung, Selbstverleugnung) mit Hilfe strenger Sanktionen eindeutig geboten hat.

In dem angeblich gottgewollten Kampf der Kirche mit dem lebendigen Kind, der sich täglich in der Erziehung zum Gehorsam, zur Blindheit gegenüber Respektpersonen, zum Gefühl der eigenen Schlechtigkeit abspielt, spiegelt sich eher das Erbe von Herodes (die Angst vor der Auferstehung der Wahrheit im Kind) als das von Jesus gelebte Vertrauen in die menschlichen Möglichkeiten. Der in der frühkindlichen Reaktion auf eine solche Erziehung wurzelnde Hass breitet sich aus ins Unermessliche, und die Kirche unterstützt (teilweise unbewusst) diese Ausbreitung des Bösen, das sie bewusst zu bekämpfen glaubt.

Es bedarf keiner großen Anstrengungen mehr, um in unserem Jahrhundert apokalyptische Züge zu entdecken: Weltkriege, Massenmorde, das Gespenst der Atombombe, die Versklavung des Menschen durch Technik und totalitäre Herrschaftsregime, Bedrohung des biologischen Gleichgewichts, Versiegen der Energiequellen, Zunahme der Drogensucht – die Liste ließe sich noch verlängern. Aber das gleiche Jahrhundert brachte uns auch eine Erkenntnis, die in der Menschheitsgeschichte völlig neu ist und die eine entscheidende Wende in unser Leben bringen könnte, wenn sie in ihrer vollen Tragweite in die Öffentlichkeit durchdringen würde. Ich meine Freuds Entdeckung, dass die Zeit der frühen Kindheit von entscheidender Bedeutung für die emotionale Entwicklung eines Menschen ist. Je deutlicher wir sehen müssen, dass die verhängnisvollsten Ereignisse unserer jüngsten Vergangenheit und Gegenwart nicht das Werk der reifen Vernunft sind, je klarer uns die Absurdität und die Unberechenbarkeit des Rüstungswettrennens vor Augen treten, um so dringlicher stellt sich die Frage nach der Entstehung und dem Wesen dieses gefährlichen menschlichen Potentials, dem wir so ohnmächtig ausgeliefert sind.

Das ganze Ausmaß an Destruktivität, von der wir täglich in den Zeitungen lesen, ist eigentlich immer der letzte Teil langer Geschichten, die uns meistens unbekannt bleiben. Wir sind Opfer, Beobachter, Berichterstatter oder stumme Zeugen einer Gewalttätigkeit, deren Wurzeln wir nicht kennen, die uns oft überrascht, überfällt, empört oder einfach nachdenklich macht, ohne dass wir die inneren Möglichkeiten (d.h. die elterliche, bzw. die göttliche Erlaubnis) haben, die einfachsten, naheliegendsten und bereits erschlossenen Erklärungen wahr- und ernstzunehmen.