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Du sollst nicht merken (3)

Achtung und Verstehenwollen unterstützen die Liebesfähigkeit des Kindes.

Ich bin mehr als einmal mit dem Gedanken konfrontiert worden, dass ein Mensch, dem es möglich gewesen wäre, in der Kindheit sein wahres Selbst zu entwickeln, in unserer Gesellschaft ein Martyrium auszustehen hätte, weil er ihr die Anpassung an einige Normen verweigern würde. Es spricht einiges für diesen Gedanken, den man oft als Argument für die Notwendigkeit der Erziehung gebraucht. Die Eltern möchten ihr Kind, wie sie sagen, so früh wie möglich anpassungsfähig machen, damit es später in der Schule und im Berufsleben nicht zu sehr leiden müsse. Da das Leiden der Kindheit und dessen Auswirkungen auf die Charakterbildung bisher noch wenig bekannt sind, behält diese Argumentation scheinbar ihr Gewicht. Die Beispiele aus der Geschichte scheinen ihr sogar recht zu geben, denn viele Menschen, die sich den herrschenden Normen ihrer Gesellschaft verweigert hatten und der Wahrheit, d.h. auch sich selbst treu geblieben waren, mussten als Märtyrer sterben.

Doch wer ist es eigentlich, der eifrig dafür sorgt, dass die Normen der Gesellschaft eingehalten werden, der die Andersdenkenden verfolgt, ans Kreuz schlägt – wenn nicht die 'richtig' erzogenen Menschen? Es sind Menschen, die ihren seelischen Tod schon in ihrer Kindheit zu akzeptieren lernten und ihn erst spüren, wenn sie in den Kindern oder Jugendlichen dem Leben begegnen. Dann muss dieses Lebendige umgebracht werden, damit es sie nicht an ihren eigenen Verlust erinnert.

In Kunstwerken verschiedener Zeiten sind immer wieder Massenmorde von Kindern dargestellt. Nehmen wir als Beispiel den Befehl König Herodes, die kleinen Kinder in seinem Land umzubringen. Er fühlt sich von ihnen bedroht, weil sich unter ihnen der neue König befinden könnte, der ihm einmal seinen Thron streitig machen würde, und richtet in Bethlehem ein Blutbad an: er lässt "alle Knäblein töten, die zweijährig und darunter" sind. Der Tod der Kinder gehörte damals so sehr zum normalen Leben, dass der Überlieferung zufolge außer Maria und Josef kein anderes Ehepaar die Heimat verließ, um sein Kind zu retten. Die Liebe seiner Eltern rettet Jesus nicht nur das nackte Leben, sondern ermöglicht ihm auch, den Reichtum seiner Seele zu entwickeln, was letztlich zum frühen Tod führt. Nun könnte man mit Recht sagen, dass Jesus gerade seiner Wahrhaftigkeit den frühen Tod verdankte, vor dem ihn das falsche, angepasste Selbst gerettet hätte. Aber lässt sich ein sinnerfülltes Leben mit quantitativen Maßstäben messen? Wäre Jesus glücklicher gewesen, wenn seine Eltern, statt ihm Liebe und Verehrung zu geben, ihn sehr früh dazu erzogen hätten, ein treuer Untertan von Herodes zu werden oder als alter Schriftgelehrter zu sterben?

Die Tatsache, dass Jesus bei Eltern aufgewachsen ist, die nichts anderes mit ihm vorhatten, als ihm Liebe und Achtung zu erweisen, wird auch von gläubigen Christen, die in Jesus den Gottessohn sehen und an die Überlieferung glauben, kaum bestritten werden können. Gerade dieses Ereignis der Verehrung des Kindes wird ja in der ganzen christlichen Welt alljährlich zu Weihnachten gefeiert. Trotzdem hat sich die christlich-religiöse Pädagogik niemals an dieser Tatsache orientiert. Auch wenn man annimmt, dass Jesus seine Liebesfähigkeit, Wahrhaftigkeit und Güte nicht der außergewöhnlich liebevollen Haltung von Maria und Josef, sondern der Gnade seines göttlichen Vaters verdankte, könnte man sich fragen, warum Gott gerade diesen irdischen Eltern die Aufgabe anvertraute, die Kindheit seines Sohnes zu betreuen. Es ist eigentlich erstaunlich, dass in der ganzen Nachfolge Christi diese Frage niemals aufgetaucht ist. Die dienenden Eltern des Jesuskindes sind niemals zum Vorbild gemacht worden, es werden im Gegenteil in den religiösen Büchern Maßnahmen zu Beherrschung des Kindes bereits im Säuglingsalter empfohlen. Sobald es aber kein Geheimnis mehr ist, dass sich dieses Vorbild mit einer psychologischen Gesetzmäßigkeit deckt, sobald mehrere Eltern merken, dass nicht das Predigen der Liebe, sondern Achtung und Verstehenwollen des Kindes seine Liebesfähigkeit unterstützen, werden Menschen, die so aufwachsen durften, keine Ausnahme mehr bilden und nicht den Märtyrertod sterben müssen.