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Du sollst nicht merken (2)

Liebe wächst nur aus der Erfahrung des Geliebtwerdens.

Was unsere leiblichen Väter betrifft, so sind sie selber um so unsicherere Kinder, je massiver, je autoritärer sie auftreten. Aber einen solchen Gott aus Angst zu verehren käme wieder den Folgen dieser Schwarzen Pädagogik gleich. Wenn es wirklich einen liebenden Gott geben sollte, dann wird er uns nicht unter Sanktionen stellen. Er wird uns lieben, wie wir sind, wird nicht Gehorsam von uns verlangen, wird uns nicht mit der Hölle drohen, uns nicht Angst machen, unsere Treue nicht auf die Probe stellen, wird uns nicht misstrauen, wird uns unsere Gefühle und Triebe leben lassen – im Vertrauen darauf, dass wir gerade auf diesem Boden fähig sein werden, starke und echte Liebe zu lernen, eine Liebe, die das Gegenteil ist von Pflichterfüllung und Gehorsam und nur aus der Erfahrung des Geliebtwerdens wächst. Zur Liebe kann man ein Kind nicht erziehen, weder mit Schlägen noch mit gutmeinenden Worten; keine Ermahnungen, Predigten, Erklärungen, Vorbilder, Drohungen, Sanktionen können ein Kind liebesfähig machen. Ein Kind, dem man predigt, lernt nur predigen, und ein Kind das man schlägt, lernt schlagen. Erziehen kann man einen Menschen zu einem guten Bürger, zu einem tapferen Soldaten, zu einem frommen Gläubigen, nicht aber zu einem lebendigen und freien Menschen. Und nur das letztere, Lebendigkeit und Freiheit, nicht aber erzieherische Zwänge, öffnet die Quelle der echten Liebesfähigkeit.

Vieles, was Jesus in seinem ganzen Leben gesagt, aber vor allem getan hat, zeigt, dass er nicht nur diesen einen Vater (Gott) hatte, den fordernden, auf Gesetzen bestehenden, auf Opfer angewiesenen, fernen, unsichtbaren, unbeirrbaren, den Vater, "dessen Wille geschehen muss". Aus seiner frühen Erfahrung kannte Jesus auch einen anderen Vater, nämlich Josef, der sich nirgends in den Vordergrund drängte, der Maria und das Kind beschützte und liebte, der es förderte, in den Mittelpunkt stellte, es bediente. Es muss dieser wirklich bescheidene Josef gewesen sein, der dem Kinde ein Maß für Wahrheit und die Erfahrung der Liebe vermittelt hat. Deshalb konnte Jesus die Verlogenheit seiner Zeitgenossen durchschauen. Ein nach den herkömmlichen Prinzipien erzogenes Kind, das von Anfang an nichts anderes kennt, kann Verlogenheit nicht durchschauen; es fehlt ihm eine Vergleichsmöglichkeit. Ein Mensch, der nur diese Atmosphäre von Kind auf kennt, wird sie überall als das Normale empfinden und vielleicht darunter leiden, aber sie nicht in ihren Konturen fassen können. Falls er als Kind keine Liebe erfahren hat, wird er sich danach sehnen, aber nicht wissen, was Liebe sein kann. Jesus hat es gewusst.

Es gäbe zweifellos mehr liebesfähige Menschen, wenn die Kirche, statt an den Gehorsam für die Obrigkeit zu appellieren und von daher die Gefolgschaft Christi zu erwarten, die entscheidende Bedeutung der Haltung Josefs einsehen würde. Er diente seinem Kind, weil er es als Kind Gottes angesehen hat. Wie wäre es denn, wenn wir alle unsere Kinder als Kinder Gottes ansehen würden, was man ja auch tun könnte? In seiner Weihnachtsansprache 1979 sagte Johannes Paul II. zum Jahr des Kindes, dass man dem Kinde Ideale vermitteln sollte. Dieser Satz ist im Munde eines liebesfähigen Menschen zweifellos gut gemeint. Wenn aber kirchliche und weltliche Pädagogen sich anschicken, dem Kind vorgeschriebene Ideale vermitteln zu wollen, greifen sie zu den Mitteln der Schwarzen Pädagogik und erziehen Kinder höchstens zu erziehenden Erwachsenen, aber nicht zu liebenden Menschen.

Kinder, die man respektiert, lernen Respekt. Kinder, die man bedient, lernen dienen, lernen dem Schwächeren dienen. Kinder, die man so liebt, wie sie sind, lernen auch Toleranz. Auf diesem Boden entstehen ihre eigenen Ideale, die gar nicht anders als menschenfreundlich sein können, weil sie aus der Erfahrung der Liebe hervorgehen.