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Du sollst nicht merken (1)

Wir haben in unserer Kindheit gelernt, die Widersprüchlichkeit unserer Eltern zu übersehen.

Die Bibel gibt ein ganz klar ausgeprägtes Gottesbild, wenn man nur wagt, genauer hinzuschauen. Dieses Bild kann man aus den Taten ablesen, es ist das Bild eines kränkbaren, empfindlichen, erzieherischen, autoritären Vaters. Die Bibel spricht von der Allmacht Gottes, aber die göttlichen Taten, die sie beschreibt, widersprechen diesem Attribut. Denn jemand, der die Allmacht besäße, wäre nicht auf den Gehorsam seiner Kinder angewiesen, ließe sich nicht durch deren Götzen verunsichern und müsste sein Volk deswegen nicht verfolgen. Aber vielleicht sind die Theologen nicht in der Lage, ein Idealbild der wahren Güte und Allmacht zu schaffen, das im Gegensatz zur Realität ihrer Väter steht, solange sie diese Realität nicht durchschauen. So schaffen sie sich ein Gottesbild nach dem erfahrenen Muster. Ihr Gott ist wie ihre Väter: unsicher, autoritär, machthungrig, rachsüchtig, egozentrisch. Wenn Gott wirklich Liebe ist, müsste es ihm gelingen, Liebe zu schenken, ohne dafür einen Preis zu erwarten, keine Gewalt im Namen dieser Liebe anzuwenden und von seinen Kindern Unmögliches nicht zu verlangen. Vielleicht haben andere Völker ein solches Gottesbild. Es ist unwahrscheinlich, dass friedliche Völker einen Gott anbeten würden, der die Züge des alttestamentarischen Gottes hätte.

Was ist das für ein Paradies, in dem es unter Sanktionen des Liebesverlustes und des Verlassenwerdens, des sich Schuldig- und sich Beschämtfühlens verboten ist, vom Baum der Erkenntnis zu essen, d.h. neugierig zu sein? Wer war dieser widerspruchsvolle Gott-Vater, der es nötig hatte, eine neugierige Eva zu erschaffen und ihr gleichzeitig zu verbieten, ihr wahres Wesen zu leben? Es ist denkbar, dass die entfremdete, perverse und destruktive Seite unseres heutigen Wissenschaftsbetriebes eine Spätfolge dieses Verbotes ist. Wenn Adam nicht sehen darf, was sich täglich vor seinen Augen ereignet, wird er seine Neugier auf Ziele richten, die so weit wie möglich von ihm entfernt sind. Er wird Forschungen im Weltall betreiben, mit Maschinen, Computern, Affengehirnen oder Menschenleben spielen, um so seine Neugierde zu befriedigen, wird aber immer ängstlich darauf bedacht sein, ja nicht „den Baum der Erkenntnis“ anzublicken, der ihm vor seine Augen gepflanzt wurde.

Das Gebot der Pädagogik "Du sollst nicht merken" geht also den Zehn Geboten zeitlich weit voraus. In unserer Kultur wird es bereits im Zusammenhang mit der Weltschöpfung gesehen. Muss man sich denn wundern, dass wir lieber die Hölle der Blindheit, der Entfremdung, des Missbrauchtwerdens, der Täuschung, der Unterwerfung und des Selbstverlustes auf uns nehmen, um ja nicht den Ort zu verlieren, der sich Paradies nennt und für dessen Geborgenheit wir so viel bezahlen müssen?

Mit der Vertreibung aus dem Paradies soll die Leidensgeschichte der Menschheit begonnen haben. Aber müssen wir diesen phantasierten Anfang nicht noch weiter zurückversetzen? Können wir uns heute nach einem Paradies zurücksehnen, in dem es dem Menschen geboten wurde, Widersprüche fraglos und gehorsam hinzunehmen, d.h. eigentlich immer im Säuglingsstadium zu bleiben? Da jeder in seiner Kindheit gelernt hat, die Widersprüchlichkeit seiner Eltern zu übersehen, fallen ihm ähnliche Dinge später kaum mehr auf. Wenn ja, dann versucht er, sie in philosophische oder theologische Systeme einzubauen. Die Geschichte vom verlorenen Paradies verdichtet die Sehnsucht des Menschen, sich am Ursprung seines Daseins in leidenslosem Zustand zu sehen, mit der unbewusst gebliebenen, aber doch registrierten Erfahrung, dass dieser doch nicht ganz vollkommen gewesen sein könnte, wenn dafür der Preis des Selbstverlustes zu bezahlen war.