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Der Beginn des Lebens (4)

Erfüllung durch die Erfahrung des Getragenwerdens

Manchmal gibt es Bewegung und Menschen sehen auf ihn herunter und sprechen, gewöhnlich zueinander, aber manchmal zu ihm. Sie schütteln fast jedes Mal ein rasselndes Ding vor seinem Gesicht, und da es so dicht ist, fühlt er sich dem Leben nahe, und er streckt die Arme aus und wedelt damit in der Erwartung, seinen richtigen Platz zu finden. Wenn man mit der Rassel seine Hand berührt, greift er nach ihr und nimmt sie an den Mund. Sie ist das Verkehrte. Er wedelt mit den Händen, und die Rassel fliegt weg. Ein Mensch bringt sie ihm wieder. Er lernt, dass das Wegwerfen eines Gegenstandes einen Menschen herbeibringt. Er möchte, dass diese viel versprechende Gestalt kommt, also wirft er die Rassel oder was immer gerade zur Hand ist, so lange der Trick funktioniert. Wenn ihm der Gegenstand nicht mehr zurückgebracht wird, gibt es nur noch den leeren Himmel und das Innere des Kinderwagens.

Wenn er im Kinderwagen weint, wird er oft mit Lebenszeichen belohnt. Der Kinderwagen wird von seiner Mutter leicht hin- und hergerüttelt, da sie gemerkt hat, dass ihn das meist beruhigt. Der schmerzende Mangel an Bewegung, an Erfahrung, an all dem, was seine Vorfahren in ihren ersten Monaten hatten, wird etwas vermindert durch das Gerütteltwerden, das ihm eine zwar dürftige Erfahrung vermittelt, die jedoch besser ist als gar keine. Die Stimmen in der Nähe stehen nicht in Verbindung mit irgendetwas, das ihm geschieht, sie sind daher als Erfüllung seiner Erwartungen von geringem Wert. Immerhin geben sie ihm mehr als das Schweigen in seinem Kinderzimmer. Sein Kontinuums-Erfahrungs-Quotient liegt nahe bei Null, seine wirkliche Erfahrung besteht hauptsächlich aus unerfülltem Verlangen.

Seine Mutter legt ihn regelmäßig auf die Waage, stolz auf seine Fortschritte.

Die einzig brauchbare Erfahrung, die stattfindet, ist die Zuteilung von wenigen Minuten täglichen Getragenwerdens und noch ab und zu einigen Bröckchen mehr, die für seine verschiedenen Bedürfnisse annehmbar sind und, zusammengerechnet, einen Teil davon erfüllen. So stürzt vielleicht, wenn der Säugling gerade auf dem Schoß der ihn betreuenden Person sitzt, ein laut rufendes Kind herbei und fügt das spannende Erlebnis hinzu, von Geschehen umgeben zu sein, während er sicher ist.

Die Dinge, die man in seine Reichweite legt, sollen dem ihm Fehlenden nahekommen. Zuerst und hauptsächlich gibt es den Teddybär oder eine ähnliche Stoffpuppe „als Schlafgefährten“. Sie sollen dem Kind das Gefühl geben, stetige Gesellschaft zu haben. Die schließliche heftige Zuneigung zu ihnen, die sich manchmal einstellt, gilt als ein entzückendes Beispiel kindlicher Eigenwilligkeit, nicht etwa als Offenbarung eines akuten Mangels im Kind, dem in seinem Hunger nach einem Gefährten, der es nicht im Stich lässt, nur noch übrig bleibt, sich an einen leblosen Gegenstand zu klammern. Auch rüttelnde Kinderwagen oder Wiegen, die sich schaukeln lassen, kommen dem Verlangen des Kindes nahe. Solche Bewegung jedoch stellt einen so armseligen und plumpen Ersatz für die des Getragenwerdens dar, dass sie nur wenig dazu beiträgt, das Verlangen des vereinsamten Säuglings zu stillen. Sie ist nicht nur unzureichend, sondern auch selten.

Der Säugling speichert zwar jedes Stückchen positiver Erfahrung, er muss jedoch am Ende dieses Sammelvorganges über das erforderliche Minimum einer jeweiligen Erfahrung verfügen, um diese als Grundlage für weitere Erfahrungen benutzen zu können. Solange das vorausgehende Erfahrungskontingent nicht erfüllt ist, können die Erfahrungen der nächsten Stufe tausendmal vorkommen, ohne dass sie zum Reifen des Individuums beitragen würden.

Es dauert nicht mehr lange, da kann das Baby lächeln und glucksen, wenn jemand nahe genug kommt, um eine Mitteilung zu empfangen. Wenn es nicht aufgenommen wird, jedoch etwas erkennbare Aufmerksamkeit erhält, lächelt und quietscht es, um noch mehr davon hervorzulocken. Wird es aufgenommen, hat sein Lächeln seine Botschaft erfüllt und kehrt nur wieder, um seinen Gefährten zu weiterem erfreulichem Verhalten zu ermuntern.

Seine Mutter ist überzeugt, die geschätzte Mutter eines glücklichen Babies zu sein, weil es lächelt, wann immer sie zu ihm kommt. Die bittere Qual, aus der die ganze übrige Zeit seines Wachseins besteht, ruft bei ihm keinerlei negative Gefühle ihr gegenüber hervor, vielmehr strebt es dadurch nur um so verzweifelter danach, bei ihr zu sein.

Während das Kleinkind sich weiterentwickelt und seine kognitiven Fähigkeiten erwachen, wird ihm ein Unterschied im Verhalten der Mutter bewusst, wenn sie entdeckt, dass seine Windeln gewechselt werden müssen. Sie gibt einen deutlich abweisenden Ton von sich. Sie wendet den Kopf auf eine Art zur Seite, die zeigt, dass sie es nur ungern sauber und behaglich macht. Ihre Hände bewegen sich schroff und mit dem geringstmöglichen Körperkontakt. Ihre Augen sind kalt und sie lächelt nicht. Indem sich die Wahrnehmung dieser Haltung schärft, beginnt sich die Freude des Kindes darüber, gepflegt, berührt zu werden und sein chronisches Wundsein für eine Weile gelindert zu finden, mit der Verwirrung zu vermischen, die der Vorläufer von Furcht und Schuldgefühl ist.

Das Wachsen der Unabhängigkeit und die Kraft zum emotionalen Reifen entspringen weitgehend der Beziehung, die sich beim Getragenwerden ausgebildet hat, in all ihren Aspekten. Daher kann man nur durch die Mutter unabhängig von ihr werden, wenn sie nämlich ihre richtige Rolle einnimmt, einem die Erfahrung des Getragenwerdens gewährt und einem nach dieser Erfüllung erlaubt, selber den nächsten Schritt zu tun.