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Der Beginn des Lebens (2)

Das Baby befindet sich in unerträglicher Leere voll ungestillten Verlangens.

In den Entbindungsstationen der westlichen Welt besteht kaum Aussicht, erwartungsgemäß getröstet zu werden. Das Neugeborene, dessen Haut nach der uralten Berührung durch einen weichen, wärmeausstrahlenden, lebendigen Körper schreit, wird in trockenes, lebloses Tuch gewickelt. Es wird, so sehr es auch schreien mag, in einen Behälter gelegt, und dort einer qualvollen Leere ausgeliefert, in der keinerlei Bewegung ist (zum ersten Mal in seiner gesamten Körpererfahrung, während der Jahrmillionen seiner Evolution oder seiner Ewigkeit im Uterus). Das einzige Geräusch, das es hören kann, ist das Geschrei anderer Opfer, die die gleiche unaussprechliche Höllenqual leiden. Das Geräusch kann ihm nichts bedeuten. Es schreit und schreit; seine an Luft nicht gewöhnten Lungen werden von der Verzweiflung in seinem Herzen überanstrengt. Keiner kommt. Da es seiner Natur gemäß in die Richtigkeit des Lebens vertraut, tut es das einzige, was es kann: es schreit immer weiter. Schließlich schläft es erschöpft ein – ein zeitloses Leben lang später.

Es erwacht in bewusstloser Angst vor der Stille, der Reglosigkeit. Es schreit. Es flammt von Kopf bis Fuß vor Bedürfnis, vor Sehnsucht, vor unerträglicher Ungeduld. Es schnappt nach Luft und schreit, bis sein Kopf von dem Geräusch angefüllt ist und pulsiert. Es schreit, bis ihm die Brust wehtut, bis seine Kehle wund ist. Es kann den Schmerz nicht länger ertragen; sein Schluchzen wird schwächer und hört auf. Es lauscht. Es öffnet und schließt die Fäuste. Es rollt den Kopf von einer Seite zur anderen. Nichts hilft. Es ist unerträglich. Wieder fängt es zu schreien an, aber seiner überanstrengten Kehle wird das zuviel; es hört bald wieder auf. Es versteift seinen von Sehnsucht gefolterten Körper und erfährt eine Andeutung von Erleichterung. Es wedelt mit den Händen und stößt mit den Füßen. Es hört auf, fähig zu leiden, doch unfähig zu denken, unfähig zu hoffen. Es lauscht. Dann schläft es wieder ein.

Plötzlich wird es emporgehoben; die Erwartungen dessen, was ihm zuteil werden muss, melden sich wieder. Die nasse Windel wird entfernt. Erleichterung. Lebendige Hände berühren seine Haut. Seine Füße werden hochgehoben, und ein neues, knochentrockenes, lebloses Stück Stoff wird ihm um die Lenden gewickelt.

Sofort ist es wieder so, als hätte es die Hände nie gegeben, und die nasse Windel auch nicht. Es gibt keine bewusste Erinnerung, keine Spur von Hoffnung. Das Baby befindet sich in unerträglicher Leere, zeitlos, reglos, ruhig, voll endlosen ungestillten Verlangens. Sein Kontinuum probiert seine Notmaßnahmen aus, doch die sind alle nur geeignet, kurze Ausfälle bei ansonsten richtiger Behandlung zu überbrücken oder Erleichterung herbeizurufen durch jemanden, von dem angenommen wird, daß er sie gewähren will. Für den gegebenen Extremfall hat das Kontinuum keine Lösung. Die Situation ist jenseits seiner immensen Erfahrung. Nach nur einigen Stunden Atmens hat das Baby bereits einen Grad von Entfremdung von seiner Natur erreicht, der jenseits der Rettungskräfte des mächtigen Kontinuums liegt. Die Zeit seines Aufenthaltes im Mutterleib war aller Wahrscheinlichkeit nach die letzte in jenem ungebrochenen Wohlgefühl verbrachte, in welchem es der ihm angeborenen Erwartung zufolge das ganze Leben hätte zubringen sollen. Sein Wesen gründet auf der Annahme, dass die Mutter sich angemessen verhält und dass die Motivationen und das darauf abgestimmte Handeln beider einander naturgemäß wechselseitig dienen werden.

Jemand kommt und hebt es sacht in die Höhe. Das Baby lebt auf. Es wird zwar für seinen Geschmack etwas zu zimperlich getragen, aber wenigstens gibt es Bewegung. Jetzt fühlt es sich am richtigen Platz. Alle durchlittene Todesangst ist nicht mehr existent. Es ruht in den umschließenden Armen; und obwohl seine Haut von dem Stoff keine Erleichterungsbotschaft empfängt, keine Nachricht von lebendigem Fleisch dicht an dem seinen, berichten ihm Hände und Mund, dass alles normal sei. Die entschiedene Lebensfreude, die im Kontinuumzustand normal ist, ist fast vollständig. Geschmack und Struktur der Brust sind da, die warme Milch fließt in seinen begierigen Mund, es gibt Herzschlag, welcher ihm ein Bindeglied hätte sein sollen, eine Versicherung des Zusammenhangs mit dem Mutterleib, seine schwache Sehkraft nimmt Bewegung wahr. Auch der Ton der Stimme ist richtig. Einzig der Stoff und der Geruch (seine Mutter gebraucht Cologne) lassen etwas vermissen. Es saugt, und wenn es sich satt und rosig fühlt, schlummert es ein.

Beim Aufwachen befindet es sich in der Hölle. Keine Erinnerung, keine Hoffnung, kein Gedanke kann ihm die tröstliche Erinnerung an seinen Besuch bei der Mutter in die Öde seines Fegefeuers bringen. Stunden vergehen und Tage und Nächte. Es schreit, ermüdet, schläft ein. Es wacht auf und nässt die Windeln. Jetzt verbindet sich damit kein Wohlgefühl mehr. Kaum wurde ihm von seinen inneren Organen die Freude der Erleichterung vermittelt, da wird diese schon wieder von stetig anwachsendem Schmerz abgelöst, wenn der heiße, säurehaltige Urin seinen schon wundgeriebenen Körper angreift. Es schreit. Seine erschöpften Lungen müssen schreien, um das scharfe Brennen zu übertönen. Es schreit, bis der Schmerz und das Schreien es erschöpfen, ehe es wieder einschläft.

In seiner Klinik, die keineswegs ein Ausnahmefall ist, wechseln die fleißigen Schwestern alle Windeln nach Zeitplan, ob sie nun trocken, feucht oder schon ganz durchnässt sind; und sie schicken die Kinder völlig wund nach Hause, wo jemand, der Zeit hat für solche Dinge, sie gesundpflegen muss.