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Der Beginn des Lebens (1)

Beim Menschen wird die Mutter unmittelbar nach der Geburt auf das Kind geprägt.

Die Geschichte unserer Evolution, sind die Jahrmillionen (das Kontinuum), in denen das menschliche Tier geformt wurde. Die wenigen tausend Jahre, in denen die Abweichung vom Kontinuum zur Zivilisation führte, sind im Hinblick auf die Evolutionszeit unbedeutend. In einer derartig kurzen Zeitspanne konnte kein bedeutsamer oder wahrnehmbarer entwicklungsgeschichtlicher Schritt stattfinden. Demgemäss verfügen alle Kinder über dieselben Erwartungen. Die Geburtserfahrungen sind Bestandteil unseres Repertoires an Anpassungsfähigkeit aufgrund der Tatsache, dass unsere Evolution sich nach der Erfahrung von Vorfahren richtete. Die erwarteten Ereignisse sind jene, die der formenden Vorerfahrung folgen.

Dies bedeutet, dass mit dem Verlust irgendeiner früher vorhandenen Einzelerfahrung das Individuum einen Teil seines Wohlgefühls einbüßen muss. Es mag eine Erfahrung sein, die zu fein ist, um bemerkt zu werden, oder eine, deren Verlust so weitverbreitet ist, dass wir den Mangel gar nicht wahrnehmen.

Bei einer Geburt ohne Trauma müssen die Erfahrungen des Babies genau die und nur die sein, die seinen und der Mutter uralten Erwartungen entsprechen. Viele gute, gesunde Kulturen überlassen es der Mutter, ihr Baby ohne jegliche Hilfe zu bekommen, während andere, nicht minder gesunde, darauf bestehen, dass ihr Hilfe zuteil wird. In jedem Fall bleibt das Baby vom Augenblick seines Austritts aus dem Mutterleib in engem Kontakt mit dem Körper der Mutter. Wenn es selbständig zu atmen begonnen hat und friedlich auf seiner Mutter ausruht, nachdem es von ihr gestreichelt wurde bis es ganz ruhig ist, und wenn die Nabelschnur gänzlich aufgehört hat zu pulsieren und danach durchgeschnitten wurde, wird das kleine Wesen an die Brust gelegt, ohne Verzögerung irgendwelcher Art – sei es zum Waschen, Wiegen, Untersuchen oder was auch sonst. Genau zu diesem Zeitpunkt, sobald die Geburt vollendet ist, wenn Mutter und Baby einander zum erstenmal als getrennte Einzelwesen begegnen, muss das folgenreiche Ereignis der Prägung stattfinden.

Bei unserer eigenen Gattung ist es notwendig, im Gegensatz zu den meisten anderen, dass die Mutter auf das Baby geprägt wird, denn ein Menschenbaby ist zu hilflos, irgend jemandem zu folgen oder irgend etwas zur Aufrechterhaltung des Kontaktes mit seiner Mutter zu unternehmen, außer, ihr ein Zeichen zu geben, wenn sie seine Erwartungen nicht erfüllt.

Dieser überaus wichtige Impuls ist beim Menschen so stark in der Mutter verwurzelt, dass er vor allen anderen Beweggründen, die sie beschäftigen mögen, Vorrang hat: Wie müde, wie hungrig, durstig oder sonstwie motiviert durch normales Eigeninteresse sie auch immer sein mag – vorherrschend ist bei ihr jetzt der Wunsch, diesen nicht besonders ansehnlichen völlig Fremden zu nähren und ihm Wohlgefühl zu vermitteln. Wäre es anders, wir hätten all diese Hunderttausende von Generationen hindurch nicht überlebt.

Die Prägung, eingebettet in die Folge der durch Hormone ausgelösten Vorgänge bei der Geburt, muss sofort stattfinden, oder es ist zu spät dafür. Eine prähistorische Mutter hätte es sich nicht leisten können, einem Neugeborenen gegenüber auch nur wenige Minuten lang gleichgültig zu bleiben; daher muss der machtvolle Trieb unverzüglich da sein. Er stellt eine wesentliche Voraussetzung für die fließende Folge von Reiz und Reaktion dar, die sich zu Beginn des Zusammenlebens von Mutter und Baby einstellt.

Wird die Prägung verhindert, das Baby fortgetragen, wenn die Mutter darauf eingestellt ist, es zu liebkosen, an die Brust zu legen, in die Arme und ins Herz zu schließen, oder ist die Mutter zu narkotisiert, um die Prägung voll zu erfahren – was geschieht dann? Allem Anschein nach weicht der Prägungsreiz einem Zustand der Trauer, wenn die Reaktion der erwarteten Begegnung mit dem Baby ausbleibt. Wenn während der formenden Ewigkeiten, in denen Menschengeburten stattfanden, der aufwallenden Zärtlichkeit der Mutter das Objekt fehlte, dann aus dem Grunde, dass das Baby totgeboren war. Die psychobiologische Reaktion war das Trauern. Wenn der Moment verpasst ist, die Reaktion auf den Reiz ausbleibt, werden die Kontinuum-Kräfte von der Annahme geleitet, es sei kein Baby da und der Prägungsreiz müsse annulliert werden.

Wird also in einer modernen Klinik Stunden oder auch nur Minuten nachdem die Mutter in einen Zustand der Trauer geraten ist, ihr plötzlich ein Baby hingehalten, so folgt häufig die Reaktion, dass sie sich schuldig fühlt, weil sie nicht imstande ist 'Muttergefühle aufzubringen' oder 'das Baby besonders liebzuhaben'. Sie leidet dann unter einer Depression – genau in dem Augenblick, da die Natur sie ganz ausgezeichnet auf eines der tiefsten und folgenreichsten Gefühlserlebnisse ihres Lebens vorbereitet hatte.