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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (22)

Gesellschafts- und Generationenkonflikte durch Missgunst unerfüllter Persönlichkeiten

Kinder sollten in der Lage sein, Erwachsene zu begleiten, wohin immer diese gehen. In Kulturen wie der unseren, wo dies weitgehend unmöglich ist, könnten Schulen und Lehrer vielleicht lernen, die Neigung von Kindern besser auszunutzen, lieber aus eigener Initiative Fertigkeiten nachzuahmen und auszuüben als sie 'beigebracht' zu bekommen.

In einer Kontinuum-gerechten Gesellschaft würden die Generationen zum Vorteil aller unter demselben Dach wohnen. Großeltern würden so viel helfen wie sie könnten, und Menschen auf der Höhe ihrer Arbeitskraft würden den Älteren Unterstützung ebenso wenig missgönnen wie ihren Kindern. Wiederum hängt jedoch das wirklich bereichernde Zusammenleben der Generationen davon ab, dass sie erfüllte Persönlichkeiten besitzen und nicht gegenseitig an ihren Gefühlen zerren, um übrig gebliebene kindliche Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Fürsorge zu befriedigen, so wie es die meisten von uns tun würden.

Leitfiguren würden aus der Mitte der Mitglieder einer Gesellschaft auf natürliche Weise hervorgehen, sehr ähnlich wie es bei Kindern der Fall ist, und sie würden sich darauf beschränken, nur dann die Initiative zu ergreifen, wenn Initiativen seitens Einzelner unpraktisch wären. Die Entscheidung darüber, wem sie folgen werden, sollte den Gefolgsleuten selbst obliegen, und ihnen sollte es überlassen sein, je nach ihrem Bedarf den Anführer auszutauschen. Es wird jedoch noch viel Zeit verstreichen, ehe wir es vermögen, erfolgreich so dicht an der Anarchie zu leben. Nichtsdestoweniger ist es nützlich, dies als Richtung im Gedächtnis zu behalten, in der wir uns bewegen müssen, wenn unsere Kultur und der Bevölkerungsdruck es erlauben.

Erfüllte Persönlichkeiten verspüren wenig das Bedürfnis, Urteile übereinander zu fällen, und können so individuelle Unterschiede leicht akzeptieren. Bei uns lässt sich beobachten, dass Menschen umso mehr meinen, sie müssten andere, sei es auf persönlicher Ebene oder in Gruppen, als akzeptabel bzw. nicht-akzeptabel beurteilen und dementsprechende Unterschiede machen, je frustrierter und entfremdeter sie sind, so wie es bei religiösen, politischen, nationalen, Rassen-, Geschlechter- oder sogar Alterskonflikten der Fall ist. Selbsthass, der sich daraus ergibt, dass einem in der Frühkindheit nicht das Gefühl eigener Richtigkeit vermittelt wurde, ist eine der Hauptgrundlagen für irrationalen Hass.

Ein Großteil unserer Tragödie besteht darin, dass wir das Gefühl für unsere 'Rechte' als Mitglieder der menschlichen Gattung verloren haben. Wir akzeptieren nicht nur Langeweile mit Resignation, sondern desgleichen unzählige weitere Übergriffe auf das, was nach den Verwüstungen in Frühkindheit und Kindheit von unserem Kontinuum noch übrig ist. Wir sagen zwar beispielsweise "Es ist grausam, ein so großes Tier in einer Stadtwohnung zu halten", aber wir sprechen dann von Hunden, niemals von Menschen, die noch größer und in Bezug auf ihre Umgebung empfindlicher sind. Wir lassen uns mit Lärm von Maschinen, Verkehr und den Radios anderer Menschen bombardieren und erwarten, von Fremden unfreundlich behandelt zu werden. Wir lernen allmählich zu erwarten, von unseren Kindern verachtet und von unseren Eltern verärgert zu werden. Wir akzeptieren ein Leben voll nagender Zweifel nicht nur hinsichtlich unserer eigenen Fähigkeit bei der Arbeit und in der Gesellschaft, sondern sehr oft auch hinsichtlich unserer Ehen. Wir betrachten es als erwiesen, dass das Leben schwer ist, und meinen, wir hätten Glück, das bisschen an Zufriedenheit zu besitzen, das wir gerade bekommen. Wir betrachten Glücklichsein nicht als ein Geburtsrecht, noch erwarten wir, dass es mehr als Ruhe oder Zufriedenheit sei. Wirkliche Freude, der Zustand, in dem Kontinuum-Menschen einen Großteil ihres Lebens verbringen, ist bei uns außerordentlich selten. Hätten wir die Gelegenheit, die Art Leben zu führen, auf die unsere Evolution uns vorbereitet hat, so wäre ein großer Teil unserer jetzigen Anschauungen davon betroffen. Zunächst einmal würden wir uns nicht einbilden, Kinder müssten glücklicher sein als Erwachsene, noch dass der junge Erwachsene glücklicher sein müsse als der alte. Wie wir gesehen haben, sind wir dieser Ansicht hauptsächlich deshalb, weil wir beständig irgendeinem Ziel nachjagen, von dem wir hoffen, dass es unser verlorenes Gefühl der Richtigkeit in Bezug auf unser Leben wiederherstellt. Indem wir die Ziele erreichen und feststellen, dass uns noch immer das namenlose Etwas fehlt, das uns seit früher Kindheit vorenthalten wurde, verlieren wir nach und nach den Glauben, das das nächste Bündel von Hoffnungen unsere beständigen Sehnsüchte erleichtern werde. Wir trainieren uns auch im Akzeptieren der 'Realität', um den Schmerz wiederholter Enttäuschung so gut wir können zu lindern. An einem gewissen Punkt in der Mitte unseres Lebens beginnen wir uns einzureden, wir hätten aus dem einen oder anderen Grunde die Gelegenheit versäumt, vollkommenes Wohlgefühl zu genießen, und müssten nun mit den Folgen in einem Zustand ständiger Kompromisse leben. Dieser Stand der Dinge ist schwerlich geeignet, Freude zu vermitteln.