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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (21)

Die Gesellschaft liefert Gemeinschaft und Beispiel für die Tätigkeiten ihrer Kinder.

Obwohl wir die Kindheit und Erwachsenenzeit hindurch zunehmend anpassungsfähig werden an eine riesige Vielfalt von Umständen, gibt es immer Grenzen, innerhalb derer wir optimal funktionieren. Während es beim Säugling weitgehend dem Verhalten der Bezugsperson obliegt, seine Bedürfnisse zu erfüllen, benötigt das heranwachsende Individuum in zunehmendem Maße Unterstützung durch seine Gesellschaft und deren Kultur, um seine angeborenen Erwartungen zu erfüllen. Der Mensch vermag unter dem Kontinuum erschreckend feindlichen Bedingungen zwar zu überleben, kann jedoch sein Wohlbefinden, seine Freude, seine Erfüllung als ganzer Mensch dabei einbüßen.

In ihrer steten Neigung zum Ausbessern von Schäden und zur Vervollständigung der Entwicklungsstufen bedient sich die Lebenskraft unter anderem der Angst, des Schmerzes und einer Reihe anderer Mittel als Werkzeug, um zu signalisieren, dass etwas nicht stimmt. Sich unglücklich fühlen in all seinen Erscheinungsformen ist das Ergebnis. In der Zivilisation ist beständiges Elend ein häufiges Resultat der Arbeit dieses Systems. Allzu häufig üben zur gleichen Zeit seit langem unerfüllte Bedürfnisse von innen her Druck aus und von außen gewisse Umstände, denen gegenüber wir unzureichende Vorbereitung oder Reife besitzen. Wir führen ein Leben, für das unsere Evolution uns nicht ausgestattet hat und werden auch bei unseren Versuchen, es zu meistern, durch die von erlittener Versagung bewirkte Verkrüppelung unserer Anlagen behindert. Unser Lebensstandard erhöht sich, ohne das Niveau unseres Wohlgefühls, die Lebensqualität, zu erhöhen. Wo immer die Umstände eines Menschen nicht innerhalb der Toleranzgrenze jener Erwartungen bleiben, ist ein Verlust von Wohlgefühl die Folge, da er sich nicht mehr anpassen kann.

Dennoch kann es sinnvoll sein, einigen der Eigenschaften nachzuspüren, die eine Kultur in der einen oder anderen Form aufweisen müsste, um den Ansprüchen der Kontinua ihrer Mitglieder gerecht zu werden. Zunächst einmal würde sie eine Sprache benötigen, innerhalb welcher das menschliche Potential für Verbalisierung wachsen kann. Ein Kind sollte Erwachsene miteinander sprechen hören können, und es sollte Gleichaltrige haben, mit denen es sich auf der eigenen Interessens- und Entwicklungsebene verständigen kann. Es ist fernerhin wichtig, dass es stets Gefährten um sich hat, die etwas älter sind als es selbst, damit es ein Gefühl dafür bekommt, wohin es geht, noch ehe es dort ist. Dies wird ihm den Inhalt seiner sich entwickelnden Interessen vertraut machen, so dass es ihn ohne Schwierigkeiten aufnehmen kann, wenn es bereit ist. In gleicher Weise erfordern die Tätigkeiten eines Kindes sowohl Gemeinschaft als auch Beispiel. Eine Gesellschaft, die dies nicht zur Verfügung stellt, wird Einbußen erleiden sowohl hinsichtlich der Tüchtigkeit als auch des Gemeinschaftssinns ihrer Mitglieder.

Ein sicheres Anzeichen eines ernsten Mangels in einer Gesellschaft ist eine Kluft zwischen den Generationen. Wenn eine jüngere Generation nicht ihren Stolz daransetzt, wie die ältere zu werden, hat die Gesellschaft ihr eigenes Kontinuum, ihre eigene Stabilität, eingebüßt und besitzt dann wahrscheinlich keine Kultur, die den Namen verdiente, denn sie befindet sich dann in einem beständigen Zustand der Veränderung von dem einen unbefriedigenden Wertesystem zum nächsten.

Was wir brauchen, ist eine umwandelbare Lebensweise, welche kein höheres Maß an Arbeit und Kooperation seitens ihrer Mitglieder erfordert, als deren Wesen entspricht. Die Arbeit sollte so beschaffen sein, dass sie von einem Menschen, dessen frühe Bedürfnisse erfüllt worden sind, mit Freuden verrichtet werden kann, so dass er den ungebrochenen Wunsch hegt, sich sozial zu verhalten und seine Fähigkeiten auszuüben.

Familien sollten in engem Kontakt mit anderen Familien stehen, und ein jeder sollte während seines Arbeitslebens Gelegenheit zu Gesellschaft und Zusammenarbeit haben. Eine Frau, die jeden Tag mit ihren Kindern alleingelassen wird, ist sozialer Anstöße beraubt und benötigt gefühlsmäßige und intellektuelle Unterstützung, welche die Kinder ihr nicht geben können. Das Ergebnis ist schlecht für Mutter, Kind, Familie und Gesellschaft.

Das, was heute unter dem Namen 'Spielgruppe' läuft, liefert alle Zutaten einer erfolgreichen Arbeitsgruppe, in der die Mütter, und desgleichen andere Menschen, sich mit nützlicher und interessanter Arbeit beschäftigen könnten, während die Kinder ihre eigenen Spiele erfinden oder auch mitarbeiten, ohne mehr Aufmerksamkeit seitens der Erwachsenen, als absolut notwendig ist, um ihnen die Beteiligung zu ermöglichen. Der Platz der Kinder am Rande statt im Mittelpunkt des Erwachseneninteresses gestattet es den Heranwachsenden, ohne Druck eigene Interessen und Gangart herauszufinden – dabei stets vorausgesetzt, dass eine ausreichende Vielfalt von Materialien und Spielraum für das Erproben und Erforschen ihres Potentials verfügbar ist.