Zurück Start Höher Weiter

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (20)

Verlust des vollkommenen Glücks der Unschuld seit Ausbildung der Fähigkeit des Wählens

Es scheint fast, als hätten wir in dieser gewaltig langen Zeitspanne, die Hunderte von Jahrmillionen umfasst, ehe unsere Vorfahren einen Intellekt entwickelten, der über solch schwierige Dinge wie Sterblichkeit und Sinn nachdenken konnte, tatsächlich auf die einzig glückselige Weise gelebt: vollkommen in der Gegenwart. Wie jedes andere Tier erfreuten wir uns des großen Segens, unfähig zu sein, uns Sorgen zu machen. Es gab selbst im Stadium der wilden Tiere Unbequemlichkeiten, Hungersnöte, Verletzungen, Ängste und Mangel zu ertragen, jedoch wäre der Sündenfall, ausnahmslos bezeichnet als eine verkehrt getroffene Wahl, unmöglich für Geschöpfe ohne ausreichenden Verstand, überhaupt eine Wahl zu treffen. Erst mit der Ausbildung der Fähigkeit des Wählens wird der Sündenfall möglich. Und erst mit dem Wählen schwindet das vollkommene Glück der Unschuld (die Unfähigkeit, verkehrt zu wählen). Nicht die Tatsache, dass man eine verkehrte Wahl getroffen hat, sondern die Fähigkeit des Wählens überhaupt, beseitigt die Unschuld. Es lässt sich unschwer vorstellen, dass sich jene Jahrmillionen der Unschuld tief genug in unsere ältesten Erwartungen eingekerbt haben, um ein Gefühl zu hinterlassen, der mit der Unschuld einhergehende Glückszustand sei irgendwie erreichbar. Wir erfreuten uns seiner im Mutterleib und verloren ihn, als wir in der Säuglingszeit zu denken begannen. Er scheint so nahe und doch so fern; man kann sich beinahe an ihn erinnern. Und in Augenblicken der Erleuchtung oder der sexuellen Ekstase scheint er vielleicht sogar in Reichweite, greifbar, wirklich... bis das Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft, Erinnerungen und Spekulationen wiederauftauchen und das reine Gespür für die Gegenwart, das einfache, vollkommene Seinsgefühl verderben.

Auf der jahrhundertealten Suche nach diesem Gefühl unvermischten Daseins, diesem Gefühl des 'Soseins' der Dinge, aller Dinge, uneingeschränkt durch Wahlmöglichkeiten oder Bedingtheiten, haben die Menschen Disziplinen und Rituale gefunden, mittels deren sich die Tendenz zum Denken umkehren lässt. Es sind Wege entdeckt worden, die galoppierenden Gedanken des Menschen zum Stillstand zu bringen, ihm Frieden zu geben, ihn nicht denken, sondern einfach sein zu lassen. Das Wort, das diesem Vorgang des Nicht-Denkens gewöhnlich zugeordnet wird, ist Meditation. Bei regelmäßig Meditierenden gibt es einen offensichtlichen Anstieg von Glücksgefühl, manchmal Spiritualität genannt, der auf ihre übrige Zeit einen stabilisierenden Einfluss ausübt – auf die Zeit, in der sie Gedanken ungehindert aufkommen lassen. Weise, Erleuchtete oder Gurus sind Männer oder Frauen, die von der Tyrannei ihrer Gedankenvorgänge befreit sind; sie messen den Dingen und Ereignissen um sich herum nicht die relative Wichtigkeit zu, wie wir es tun.

Das Ritual ist eine weitere Art der Entlastung von der Bürde des Wählens. Man spricht und handelt, indem man das Bewusstsein und den Körper nach vorbestimmtem Muster gebraucht. Das Nervensystem ist mit Handeln und Erfahren beschäftigt, doch wird kein Gedanke verlangt, keine Wahl. Man befindet sich in der Lage eines Säuglings oder einer anderen Tiergattung. Während des Rituals, besonders wenn man eine aktive Rolle dabei spielt, indem man tanzt oder singt, dient der Organismus einer Fahne, die weit älter ist als die des Intellekts. Der Intellekt ruht; er hält inne mit seinem ständigen Galoppieren von Gedankenverbindung zu Gedankenverbindung, von Vermutung zu Vermutung, von Entscheidung zu Entscheidung. Die Ruhepause erfrischt nicht nur den Intellekt, sondern das gesamte Nervensystem. Es fügt als Gegengewicht gegen das vom Denken bewirkte Un-Glücksgefühl ein gewisses Maß an Glücksgefühl hinzu.

Zum gleichen Zweck setzt man seit langem und an vielen Orten Wiederholungen ein. Ob durch den regelmäßigen Rhythmus einer Trommel, das monotone Absingen eines Ritus, eine kopfschüttelnde, fußstampfende, das Bewusstsein ausschaltende Session in einer Diskothek oder fünfzig Ave Marias, die Wirkung ist 'reinigend'. Seelenfrieden wird hervorgebracht, die Angst wird zurückgeworfen. Das sehnende Kleinkind in einem erfährt vorübergehend Erleichterung, die mangelnde Erfahrung wird weiter aufgefüllt. Bei allen, die eine Zeitlang die Zügel des Intellekts dem nicht-denkenden Sein übergeben, wird damit der Sache höheren Wohlbefindens gedient.