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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (19)

Die unmittelbarste Ausdrucksform der Entbehrung des Getragenwerdens ist die Drogensucht.

Die unmittelbarste aller Ausdrucksformen der Entbehrung des Getragenwerdens ist die Sucht nach Drogen wie Heroin. Um der Einfachheit willen wollen wir hier nur den Heroinsüchtigen betrachten. Heroin macht auf chemische Weise süchtig, indem es im Körper des 'Benutzers' das Verlangen nach mehr erweckt und die Wirkung mit häufigem Genuss abnimmt, so dass immer mehr von der Droge die erwünschte Wirkung immer weniger hervorruft. Schließlich erstrebt der Süchtige die Droge weniger, um das 'High' zu erfahren, als vielmehr, um die Entzugserscheinungen abzuwehren. Wieder und wieder stellen sich viele freiwillig den Qualen des Entzugs, befreien sich von der körperlichen Abhängigkeit, um imstande zu sein, nicht nur die Entzugserscheinungen zu bekämpfen, sondern auch erneut das 'High' zu erfahren. Ich bin der Meinung, dass man bisher die zerstörerische Anziehungskraft des High-Seins nicht verstanden hat. Wird die Droge einmal abgesetzt und sind die letzten Spuren davon aus dem Körper gewichen, so hat die chemisch hervorgerufene Sucht aufgehört. Dann bleibt nur die Erinnerung daran, die unauslöschliche Erinnerung an das Gefühl, das man hatte.

Es scheint, dass das durch Heroin hervorgerufene Gefühl auf eine sehr wesentliche Art dem Gefühl ähnelt, das ein Säugling hat, wenn er getragen wird. Die lange richtungslose Suche nach einem verschwommenen Etwas ist zu Ende, wenn ein Heroinkonsument das verlorene Gefühl erfährt. Weiß er einmal, wie er es erreichen kann, kann er nicht auf die von uns Übrigen praktizierte Weise weiter danach suchen. Dem 'ordentlichen' Menschen bleibt das unmittelbare Bewusstsein des Ziels erspart und er läuft ziemlich ruhig in dem Irrgarten der Illusionen herum, die ihn in die richtige Richtung zu führen scheinen; dabei findet er seine kleinen verhältnismäßigen Befriedigungen am Wege. Der Süchtige jedoch weiß, wo es das alles gibt, wo man es an dem einen Ort bekommen kann, so wie der Säugling alles, was er braucht, in den Armen seiner Mutter bekommt.

Sofern sie überleben, hören die meisten Süchtigen tatsächlich nach einer Reihe von Jahren auf, die Droge zu nehmen, was durchaus darauf zurückzuführen sein mag, dass sie ausreichend viele Stunden unter ihrem Einfluss verbracht haben, um das von der Säuglingszeit übrig gebliebene Erfordernis nach Getragenwerden erfüllt zu haben – jetzt sind sie endlich bereit, sich gefühlsmäßig in die nächste Motivfolge zu begeben, so wie ein Kontinuum-Baby dazu bereit ist, noch ehe es ein Jahr alt wird. Es ist schwierig, das spontane Aufhören der Sucht nach Jahren der Abhängigkeit auf irgendeine andere Weise zu erklären; aber Tatsache ist, dass es nahezu keine älteren Süchtigen gibt, und dies nicht deshalb, weil sie alle gestorben wären. Bei wissenschaftlicher Erforschung der Zusammenhänge würde sich bald herausstellen, ob eine Psychotherapie an die Stelle des Drogenkonsums treten könnte. Sollte sich dies als zutreffend erweisen, dann erschienen Süchtige nur deshalb so krank, weil die Krankheit, an der wir alle teilhaben, bei ihnen auf grausame Weise zur Oberfläche gelangt ist: Bei ihnen wurde der Mangelzustand mit Erfüllung konfrontiert, wenn auch durch einen lebensgefährlichen Ersatz für seine ursprüngliche Erfüllung. Daher sind sie vielleicht dringender behandlungsbedürftig, aber es könnte sich eines Tages herausstellen, dass dies der einzige Unterschied zwischen ihnen und den meisten von uns ist.