Zurück Start Höher Weiter

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (16)

Sich-glücklich-Fühlen ist nicht mehr der Normalzustand des Lebens, sondern wird zum Ziel.

Jede Betrachtung des Lebens in der Zivilisation ist sinnlos, wenn wir nicht ständig die Tatsache mitberücksichtigen, dass wir fast der gesamten Erfahrung des Getragenwerdens sowie eines Großteils der späteren von uns erwarteten Erfahrung beraubt worden sind und dass wir weiterhin, auf eine planmäßige, doch unbewusste Art, die Erfüllung jener Erwartungen in ihrer unwandelbaren Abfolge suchen.

Schon bei der Geburt werden wir aus der Verbindung mit unserem Kontinuum gerissen, werden nach Erfahrung hungernd in Bettchen und Kinderwagen vom Strom des Lebens entfernt. Teile von uns bleiben kindisch und können nichts Positives zu unserem Leben als ältere Kinder und Erwachsene beitragen. Aber wir lassen sie nicht hinter uns, wir können es nicht. Das Bedürfnis nach der Erfahrung des Getragenwerdens besteht weiterhin, Seite an Seite mit der Entwicklung von Geist und Körper, und wartet auf seine Erfüllung.

Wir in der Zivilisation haben alle Teil an gewissen Leiden des Kontinuums. Selbsthass und –zweifel sind unter uns in unterschiedlichem Grade ziemlich verbreitet, je nachdem wie und zu welchem Zeitpunkt das gesamte Bündel an Versagungen unsere angeborenen Eigenschaften beeinträchtigte. Die Suche nach der Erfahrung des Getragenwerdens nimmt mit den Jahren und indem wir erwachsen werden sehr viele Formen an. Der Verlust des wesentlichen Zustandes von Wohlgefühl, der aus der Zeit des Getragenwerdens hätte erwachsen müssen, führt zur Suche danach und zu Ersatz dafür.

Die Versagung des Getragenwerdens drückt sich vielleicht am gewöhnlichsten als ein unterschwelliges Gefühl von Unwohlsein im Hier und Jetzt aus. Man fühlt sich aus der Mitte geworfen, als fehle etwas; es besteht ein vages Gefühl des Verlustes, ein Gefühl, etwas zu wollen, was man nicht näher bezeichnen kann. Das Wollen heftet sich häufig an einen Gegenstand oder ein Ereignis in mittlerer Entfernung; in Worten würde man etwa sagen: "Es ginge mir gut, wenn nur erst ...", worauf irgendein Vorschlag der Veränderung folgte.

Wenn das Ersehnte errungen ist, wird die mittlere Entfernung, in der sich einst die Mutter befand, alsbald besetzt durch ein neues "Wenn nur erst ...", und die Entfernung zwischen ihm und einem selbst wird zum neuen Maßstab der Entfernung zwischen sich und der vermissten Richtigkeit – Richtigkeit im Hier und Jetzt.

Man wird aufrechterhalten durch die Hoffnungen, welche die Folge der Wunschobjekte auslöst, wenn sie in der Entfernung auftauchen. Die Entfernung wird durch den Grad von Unerreichbarkeit bestimmt, die man benötigt, um sich 'zuhause' zu fühlen – d.h. in derselben Beziehung, wie man sie zur Mutter hatte, als die Erfahrung des Getragenwerdens einem versagt blieb.

Die meisten Reichen können noch reicher werden und ersehnen dies tatsächlich, die Mächtigen wollen mehr Macht, und ihrem Sehnen wird dadurch Gestalt gegeben. Die wenigen, die am Ende angelangt sind, oder in Sichtweite all dessen, das zu wünschen sie fähig waren – sie allein müssen sich der Tatsache stellen, dass ihr Verlangen sich nicht befriedigen lässt. An seine ursprüngliche Gestalt können sie sich nicht erinnern: nämlich an ihr Sehnen als Säuglinge nach ihrem Platz in den Armen ihrer Mutter. Praktisch starren sie in einen bodenlosen Abgrund, ohne Antwort auf ihre Fragen nach dem Sinn des ganzen, wo sie doch einst vielleicht ganz sicher gewesen sind, dass es Geld, Ruhm oder Leistung sei.