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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (15)

Kinder einfach sich selbst überlassen können

Diese Zuteilung von Verantwortung ist ein Aspekt der Erwartung – jener Kraft, deren machtvolles Wirken sich an einem so großen Teil des Verhaltens von Kindern und Erwachsenen beobachten lässt. Wie könnten wir auch als soziale Wesen bezeichnet werden, besäßen wir nicht einen starken Trieb, uns so zu benehmen, wie wir spüren, dass man es von uns erwartet?

Für jeden, der Kontinuum-Prinzipien im zivilisierten Leben anwenden möchte, wird dieser Wechsel zu Glauben an die Selbstschutzfähigkeit der Kinder eins der schwierigsten Probleme darstellen. Wir sind daran so wenig gewöhnt, dass es mehr ist als mancher fertig bringt, die Kinder einfach sich selbst zu überlassen – nach der Theorie, sie seien ohne unsere Überwachung besser dran. Die meisten von uns würden zumindest heimlich ängstliche Blicke auf sie werfen, wobei sie riskierten, ertappt zu werden und den Blick als Erwartung von Unvermögen interpretiert zu sehen.

Uns bleibt keine Wahl, als durch den Gebrauch des Verstandes unseren Weg zurück zu dem wie unseren eigenen Vorfahren geläufigen Wissen zu finden. Das ist nicht sehr viel anders, als wenn man sich selbst auffordert, zur Kirche zu gehen und um Glauben an Gott zu beten; man müsste sich bis zum äußersten anstrengen, so zu handeln, als glaube man bereits. Darin werden einige bessere Schauspieler und Schauspielerinnen sein als andere; aber wenn alle ängstlichen Eltern ein wenig mehr Vertrauen in den Selbstschutzinstinkt des Babies aufbringen, als sie vorher eigentlich gehabt hätten, so wird die stetige Beobachtung der Fähigkeiten des Babies immer mehr Vertrauen zulassen.

Unser eigenes System, mittels dessen wir herauszufinden suchen, was oder wie viel der Verstand eines Kindes aufnehmen kann, hat Aneinander-Vorbei­reden, Missverständnisse, Enttäuschung, Ärger und einen allgemeinen Verlust von Harmonie zur Folge. Der verheerende Brauch, Kindern beizubringen, dass 'das Gute' immer belohnt und 'das Schlechte' immer bestraft werde, dass Versprechen immer gehalten würden, dass Erwachsene niemals lögen usw., macht es nicht nur notwendig, ihnen späterhin vorzuwerfen, sie seien 'unrealistisch' und 'unreif', falls sie den Ammenmärchen zufällig weiterhin Glauben geschenkt haben, es schafft auch ein Gefühl der Desillusionierung, das sich gewöhnlich auf ihre Erziehung allgemein erstreckt und auf das, was sie für die Kultur hielten, der zu folgen man von ihnen erwartete. Das Ergebnis ist Unsicherheit, wie sie sich verhalten sollen, da ihnen die Grundlage des Handelns entzogen wurde, sowie Misstrauen allem anderen gegenüber, was ihre Kultur ihnen sonst noch vorschreibt.

Wieder versucht hier der Intellekt zu 'entscheiden', was ein Kind verstehen könne, während der Kontinuum-Weg es dem Kind einfach erlaubt, vom gesamten sprachlichen Umfang das unverzerrt und unzensiert aufzunehmen, was immer es kann. Es ist unmöglich, die Seele eines Kindes mit Begriffen zu verletzen, die es nicht verstehen kann, so lange es dieser Seele gestattet ist, das, was sie nicht verdauen kann, beiseite zu lassen. Aber es kann einen traurigen Konflikt zwischen dem, was es begreifen kann, und dem, wovon es spürt, dass man es von ihm erwartet, hervorrufen, wenn man das Kind an den Schultern packt und es zum Verstehen zu zwingen sucht. Den Kindern zu gestatten, ungehindert zuzuhören und zu verstehen, was sie können, schließt jeden Hinweis auf das Ausmaß des von ihnen Erwarteten aus und beugt jenem zerstörerischen Konflikt vor.