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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (14)

Die Triebkraft des Kindes ist sein eigener Wille.

Auch die Kreativität kann durch den Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen nach Kooperation verletzt werden. Man sagt nur etwas wie: "Nimm dein Malzeug mit in den Garten; ich möchte nicht, dass du hier drinnen eine Schweinerei machst". Die Botschaft, dass das Malen eine Schweinerei verursacht, geht nicht verloren, und der Drang nach Kreativität müsste schon enorm sein, um das grundlegende Bedürfnis des Kindes, zu tun, was seine Mutter von ihm erwartet, zu überwinden. Ob es nun mit einem süßen Lächeln gesagt oder wie ein Schlachtruf hervorgestoßen wird: die Aussage über die Schlechtigkeit des Kindes ist gleichermaßen wirksam.

Wohl ebenso wesentlich wie die Annahme vom angeborenen Gemeinschaftsgeist bei Kindern und Erwachsenen ist die Achtung eines jeden Einzelwesens als seines eigenen Herrn. Die kontinuum­erfüllten Menschen haben keinen Begriff dafür, dass man andere Menschen besitzen könne. Die Vorstellung, dass dies 'mein Kind' oder 'dein Kind' ist, gibt es nicht. Zu entscheiden, was ein anderer Mensch tun sollte, ganz gleich wie alt er ist, liegt außerhalb ihrer Skala von Verhaltensweisen. Es besteht ein großes Interesse an dem, was ein jeder tut, aber keinerlei Neigung, irgend jemanden zu beeinflussen, geschweige denn zu zwingen. Die Triebkraft des Kindes ist sein eigener Wille. Es gibt keine Sklaverei – denn wie anders kann man es nennen, wenn jemand einem anderen seinen Willen aufdrängt und ihn mittels Drohung und Strafe zwingt? Kontinuum-Menschen meinen nicht, dass die geringe Körperkraft und die Abhängigkeit eines Kindes von ihnen ein Grund ist, es deswegen mit weniger Achtung zu behandeln als einen Erwachsenen. Einem Kind werden keine Befehle erteilt, die seinen eigenen Neigungen, wie es spielen, wie viel es essen, wann es schlafen möchte usw. zuwiderlaufen. Wo jedoch seine Hilfe benötigt wird, erwartet man von ihm, dass es auf der Stelle Folge leistet. Befehle wie "Bring mir etwas Wasser!", "Hack etwas Holz!", "Reich mir das mal!" oder "Gib dem Baby eine Banane!" werden aufgrund eben dieser Annahme eines angeborenen Gemeinschaftsgeistes erteilt, in der Gewissheit, dass ein Kind nützlich sein und an der Arbeit der Seinen teilnehmen möchte. Niemand überwacht, ob das Kind gehorcht – es besteht kein Zweifel an seinem Willen zur Zusammenarbeit. Als das 'soziale Tier', das es ist, tut es das von ihm Erwartete ohne Zögern und so gut es kann.

Die Urteilskraft eines Menschen wird für hinreichend angesehen, jede Entscheidung zu treffen, zu der er sich motiviert fühlt. Der Impuls, eine Entscheidung zu treffen, ist Beweis der Fähigkeit, dies auf angemessene Weise zu tun. Kleine Kinder treffen keine größeren Entscheidungen; sie haben ein starkes Interesse an ihrer Selbsterhaltung, und in Angelegenheiten, die ihr Einsichtsvermögen überschreiten, erwarten sie von Älteren, dass diese beurteilen, was am besten ist. Dadurch, dass man dem Kind von klein auf die Wahl überlässt, bleibt seine Urteilskraft von höchster Wirksamkeit, beim Delegieren ebenso wie beim Treffen von Entscheidungen. Vorsicht äußert sich in dem Maße, in dem Verantwortung im Spiel ist, und Irrtümer kommen auf diese Weise außerordentlich selten vor. Eine so gefällte Entscheidung trifft beim Kind nicht auf Widerstand und funktioniert daher harmonisch und angenehm für alle Betroffenen.

Der hier maßgebliche Faktor ist offenbar die Zuteilung von Verantwortung. Der Mechanismus des Sich-um-sich-selbst-Kümmerns ist bei den meisten westlichen Kindern nur teilweise in Kraft, da ein Großteil der Last von erwachsenen Aufsichtspersonen übernommen worden ist. Mit seinem charakteristischen Widerwillen gegen Überflüssiges entzieht das Kontinuum dem Selbst die Vormundschaft in dem gleichen Maße, wie sie von anderen übernommen wird. Das Ergebnis ist verminderte Wirksamkeit, da niemand mit Bezug auf die Umstände eines anderen so beständig oder so gründlich wachsam sein kann wie hinsichtlich der eigenen. Dies ist ein weiteres Beispiel für den Versuch, die Natur zu verbessern; ein weiteres Beispiel für das Misstrauen gegenüber Fähigkeiten, die nicht vom Verstand kontrolliert werden, und für die gewaltsame Übernahme ihrer Funktionen durch den Intellekt, der gar nicht die Fähigkeit besitzt, alle wichtigen Informationen zu berücksichtigen. Abgesehen davon, dass er zivilisierte Kinder dazu bringt, mehr Unfälle zu haben, lässt dieser unser Hang, uns in die Verteilung der Verantwortlichkeit durch die Natur einzumischen, wo sie am wirkungsvollsten ist, unzählige andere Gefahren aufkommen.