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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (13)

Die gängigen Mittel von Lob und Tadel zerstören die Motivation der Kinder.

Zu den Einzigartigkeiten der Gattung Mensch gehört die Fähigkeit seines Intellekts, seiner Natur, wie sie von der Evolution ausgeprägt wurde, zu widersprechen. Ist das Kontinuum einmal zum Entgleisen gebracht, sind seine Stabilisatoren bis zur Unbrauchbarkeit aus dem Gleichgewicht, so ergeben sich Verirrungen rasch und zahlreich; denn es ist fast so sicher, dass der Intellekt mit seinen uninformierten, wohlmeinenden Eins-nach-dem-anderen-Erwägungen hinsichtlich der unermesslichen Menge von Faktoren, die bei jedem Verhalten mitspielen, Schaden anrichten, wie, dass er Gutes bewirken wird.

Eines der seltsamsten Ergebnisse des verlorenen Glaubens an das Kontinuum ist die Fähigkeit von Erwachsenen, Kinder dazu zu bringen, dass sie vor ihnen weglaufen. Nichts könnte dem Kontinuumherzen eines Babies näher liegen als der Wunsch, in unvertrautem Gebiet nahe bei seiner Mutter zu bleiben. Bei allen mit uns verwandten Säugetieren sowie auch Vögeln, Reptilien und Fischen folgen die Jungen, und solches Verhalten liegt eindeutig in ihrem Interesse. Ein Kontinuum-Kleinkind würde es sich nicht im Traum einfallen lassen, sich auf einem Waldweg von seiner Mutter zu entfernen, denn sie blickt nicht um sich, um festzustellen, ob es wohl folgt, sie gibt ihm nicht zu verstehen, dass es eine mögliche Wahl gebe oder dass es ihre Aufgabe sei, sie zusammenzuhalten; sie verlangsamt lediglich ihren Schritt so weit, dass es mithalten kann.

In unserer Zivilisation sieht man Mütter und Kindermädchen herumflattern, mit ausgestreckten Händen und schrillen Stimmen, die die flüchtigen Kleinkinder unter kaum überzeugenden Drohungen um Gehorsam anflehen. Ein einfacher Vorschlag wie "Geh nicht hin, wo ich dich nicht sehen kann!" mit einem Beiklang von Besorgnis (Erwartung) geäußert, verursacht viel Verkehr in Sammelstellen für verloren gegangene Kinder, und, wenn noch ein Versprechen beigemischt wird wie "Pass auf, du wirst dir wehtun!", auch noch eine ganze Reihe von ernsten Stürzen und Verkehrsunfällen dazu. Vorwiegend darauf bedacht, im Kampf mit seiner Aufsichtsperson um die Durchsetzung des eigenen Willens die von ihm erwartete Rolle zu spielen, hat der kleine Herausforderer das selbstverantwortliche Gleichgewicht mit seiner Umgebung verloren und sein Selbsterhaltungssystem ist beeinträchtigt. So wird er ganz unbewusst darauf festgelegt, dem absurden Befehl sich wehzutun, Folge zu leisten.

Das Unbewusste denkt nicht vernünftig – sein Mechanismus, aus Erfahrenem Gewohnheit zu machen, wiederkehrendes Verhalten zu automatisieren, um das Bewusstsein zu entlasten oder um Daten zu strukturieren und zu speichern, einzuordnen und zu vernetzen, ist zu anspruchsvoll für ein so unverlässliches Hilfsmittel wie die Vernunft, die sein eigentliches Gegenteil ist; darüber hinaus beobachtet das Unbewusste viel zu scharf, um sich einreden zu lassen, etwas sei so wie jemand sagt, obwohl Tonfall und Handeln dies Lügen strafen. Ein Kind mag daher die vernunftmäßigen Gründe der Aufsichtsperson wohl sehr gut verstehen und sogar ähnliche Gründe anführen und kann dennoch motiviert sein, sich im Gegensatz dazu zu verhalten. In anderen Worten, es wird mit größerer Wahrscheinlichkeit das tun, wovon es spürt, dass man es von ihm erwartet, als das, was man von ihm verlangt. Sein chronisches unbefriedigtes Verlangen nach Anerkennung durch seine Mutter kann sein Bedürfnis, zu tun, was seine Mutter oder deren Vertreter seinem Gefühl nach von ihm erwarten, bis zur Selbstzerstörung steigern.

Die gängigen Mittel von Lob und Tadel sind absolut zerstörerisch gegenüber den Motiven von Kindern, besonders der kleinsten. Wenn das Kind etwas Nützliches tut, wie sich selbst anziehen oder den Hund füttern, ein Sträußchen Feldblumen hereinbringen oder aus einem Tonklumpen einen Aschenbecher machen, so kann nichts entmutigender sein als ein Ausdruck der Überraschung darüber, dass es sich sozial verhalten hat: "Oh, was für ein liebes Mädchen!", "Seht mal, was Stefanie ganz alleine gemacht hat!" und ähnliche Ausrufe deuten an, dass soziales Verhalten bei dem Kind unerwartet, uncharakteristisch und ungewöhnlich ist. Sein Verstand mag sich darüber freuen, doch sein Gefühl wird voll Unbehagen darüber sein, dass es gegenüber dem von ihm Erwarteten, dem, was es zu einem wahren Bestandteil seiner Kultur, seines Stammes, seiner Familie macht, versagt hat. Tadel, besonders wenn er verstärkt wird durch ein "Du-machst-das-immer"-Etikett, ist mit seiner Andeutung, dass antisoziales Verhalten erwartet wird, gleichfalls zerstörerisch. "Das sieht dir ähnlich", "Der denkt nur an Unfug", ein resigniertes Schulterzucken, eine umfassende Anklage wie "Typisch Jungens", die impliziert, dass die Schlechtigkeit tief in ihnen drinsteckt, oder auch einfach ein Gesichtsausdruck, der anzeigt, dass ein schlechtes Benehmen keine Überraschung war, haben die gleiche verheerende Wirkung wie Überraschung oder Lob für ein Zeichen von Gemeinschaftsgeist.