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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (12)

Die Neugier des Kindes und sein Wunsch, selber Dinge zu tun, bestimmen seine Fähigkeit zu lernen, ohne irgendeinen Teil seiner Gesamtentwicklung aufgeben zu müssen. Anleitung kann nur bestimmte einzelne Fähigkeiten auf Kosten anderer vertiefen, nichts jedoch vermag das volle Spektrum seiner Fähigkeiten über die angeborenen Grenzen hinaus zu verbreitern.

'Erziehen' im ursprünglichen Sinne bedeutet 'herausführen', doch obwohl dieser Weg dem weit verbreiteten Verständnis 'eintrichtern' überlegen sein mag, ist keiner von beiden mit den entwickelten kindlichen Erwartungen vereinbar. Von einer älteren Person herausgeführt oder geleitet zu werden, bedeutet Einmischung in die Entwicklung des Kindes, da dieses hierdurch von seinem natürlichen, wirksamsten Weg fortgeführt wird zu einem, der dies in geringerem Maße ist. Die Annahme eines angeborenen Sozialtriebes steht in direktem Gegensatz zur allgemeinen zivilisierten Überzeugung, dass die Triebe eines Kindes zwecks Erziehung zu sozialem Verhalten gebändigt werden müssten. Einige meinen, dass Erklärungen und 'Kooperation' mit dem Kind diese Bändigung besser bewerkstelligten als Drohung und seelische oder körperliche Bestrafung. Die Annahme, das Kind sei von Natur aus gesellschaftsfeindlich und benötige Manipulation, um für die Gesellschaft akzeptabel zu werden, ist jedoch beiden Ansichten nicht minder zu eigen als den verbreiteteren Auffassungen zwischen diesen beiden Extremen. Wenn uns an Kontinuum-Gesellschaften wirklich etwas von Grund auf fremd ist, so ist es diese Annahme eines angeborenen Sozialtriebes. Erst wenn wir von dieser Annahme und allem, was sie beinhaltet, ausgehen, wird die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen ihrem merkwürdigen Verhalten und dem daraus resultierenden intensiven Wohlbefinden einerseits und unseren sorgfältigen Überlegungen bei außerordentlich viel geringerem Wohlgefühl andererseits verständlich.

Wie wir gesehen haben, steht sowohl mehr als auch weniger Unterstützung, als ein Kind fordert, seinem Fortschritt entgegen. Initiativen von außerhalb oder unerbetene Führung bieten ihm daher keinen positiven Nutzen. Es kann keinen größeren Fortschritt machen als den, welchen die eigenen Motivationen einschließen.

Der Preis, den ein Kind dafür zahlt, dass es zu dem geführt wird, was seine Eltern für es (oder für sich) als das Beste erachten, ist die Beeinträchtigung seiner Ganzheit. Sein gesamtes Wohlbefinden, in dem all seine Wesenszüge sich spiegeln, ob ausreichend genährt oder am Verkümmern, wird direkt betroffen.

Dem Kind ein Beispiel oder Vorbild zu bieten geschieht im Idealfall nicht ausdrücklich, um es zu beeinflussen, sondern heißt lediglich, sich normal zu verhalten: dem Kind keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, sondern eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich vor allem um die eigenen Angelegenheiten kümmert; von dem Kind nimmt man dabei nur Notiz, wenn es dies braucht, und auch dann nicht mehr als notwendig. Ein Kind, welches das Getragenwerden vollständig erfahren hat, wird es nicht nötig haben, über seine körperlichen Bedürfnisse hinaus um Aufmerksamkeit zu betteln; denn es wird nicht, wie die Kinder, die wir unter zivilisierten Umständen kennen, irgendwelche Bestätigung benötigen, um sich seines Daseins oder seiner Beliebtheit zu versichern.

Wenden wir das Prinzip auf die einfachste Situation an, so würde eine zivilisierte Mutter ihrer Hausarbeit nachgehen, während ein kleines Mädchen seine eigenen Interessen verfolgte, aber, wann immer es den Wunsch verspürte, mit einem kleinen Besen aufkehren oder staubwischen oder staubsaugen oder auf dem Stuhl stehend beim Abwaschen helfen könnte. Es wird nicht allzu viel kaputtgehen und das kleine Mädchen wird nicht vom Stuhl fallen, es sei denn, seine Mutter hege so deutlich die Erwartung einer Katastrophe, dass der Sozialtrieb des Kindes (zu tun, was man seiner Meinung nach von ihm erwartet) es dazu treibt, sich entsprechend zu verhalten. Ein ängstlicher Blick, ein Wort darüber, was die Mutter denkt: "Lass das nicht fallen!", oder ein Versprechen: "Pass auf, du fällst gleich!" können das Mädchen – obwohl dies seinem Selbsterhaltungstrieb und seinem Nachahmungsbestreben entgegenwirkt – schließlich zum Gehorchen veranlassen, so dass es den Teller fallen lässt und/oder vom Stuhl stürzt.