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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (11)

Das Ziel der kindlichen Aktivitäten ist die Entwicklung von Selbstvertrauen. Bietet man ihm mehr oder weniger Unterstützung an, als es wirklich braucht, so wird dieses Ziel leicht vereitelt.

Ein Baby hat keine selbstmörderischen Neigungen, jedoch eine ganze Reihe von Überlebensmechanismen, angefangen bei den Sinnesorganen auf der gröbsten Ebene bis hin zu dem, was höchst brauchbare Alltagstelepathie auf den weniger erklärbaren Ebenen zu sein scheint. Es verhält sich wie jedes kleine Tier, das sich zur Stützung seines Urteils auf keine Erfahrung berufen kann; es tut das Sichere und ist sich dabei nicht bewusst, eine Wahl zu treffen. Von Natur aus schützt es sein eigenes Wohlbefinden, wie seine Angehörigen dies von ihm erwarten und wie seine angeborenen Fähigkeiten sowie sein jeweiliges Entwicklungs- und Erfahrungsstadium es ihm erlauben. Letzteres ist aber in diesem Alter von sechs, acht oder zehn Monaten so kümmerlich ausgebildet, dass es in keinem Fall viel beitragen kann und in neuen Situationen so gut wie gar nichts. Es ist der Instinkt, der für die Selbsterhaltung sorgt. Immerhin ist das Baby nicht mehr bloß ein Säugetier, das zum Primaten geworden ist; es beginnt, spezifisch menschliche Eigenschaften anzunehmen. Jeden Tag neigt es mehr dazu, die Kultur seines Volkes in sich aufzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt beginnt es, zwischen der Rolle, die sein Vater, und der, die seine Mutter in seinem Leben spielt, zu unterscheiden. Die seiner Mutter bleibt beharrlich so, wie es die Rollen aller Menschen bisher gewesen sind: die einer Gebenden und Fürsorgenden, die außer der Befriedigung des Gegeben-Habens nichts zurück­erwartet. Seine Mutter versorgt es, einfach weil es da ist; sein Dasein ist Grund genug, es ihrer Liebe zu versichern. Ihre bedingungslose Bejahung bleibt stetig, während allmählich sein Vater als wichtige Figur in Erscheinung tritt, die an seinem sich entwickelnden Sozialverhalten und seinem Fortschritt in Richtung Unabhängigkeit interessiert ist. Die stetige Liebe des Vaters ist von der gleichen Beschaffenheit wie die der Mutter, doch gibt es da eine Beimischung von Zustimmung, die abhängig ist vom Betragen des Kindes. Auf diese Weise sichert die Natur sowohl Stabilität als auch Anreiz zu sozialem Verhalten.

Für Jungen werden dann beim Lernen ihrer Rolle in der Kultur Männer zur Hauptanregungsquelle und zum Beispiel, wie die Dinge in ihrer Gesellschaft getan werden. Kleine Mädchen ahmen Frauen nach, sobald ihr Entwicklungsstadium fordert, dass aus der Verbindung mit ihnen jetzt gemeinsames Handeln werden müsse. Die Kinder nehmen an der jeweiligen Kultur teil, wenngleich dabei Methode und Tempo von Kräften in ihnen selbst bestimmt werden. Es steht außer Frage, dass das Endergebnis im Einklang mit der Gesellschaft stehen und auf Zusammenarbeit und völliger Freiwilligkeit beruhen wird. Erwachsene und ältere Kinder tragen nur die Hilfe und Vorräte bei, die sich ein Kind unmöglich selber beschaffen kann. Ein Kind, das noch nicht sprechen kann, ist sehr gut in der Lage, seine Bedürfnisse klar zu machen, und es ist sinnlos, ihm etwas anzubieten, was es nicht braucht.

Fürsorge wird, ebenso wie Unterstützung, nur auf Verlangen gewährt. Nahrung für den Körper und Umarmen als Nahrung für die Seele werden weder angeboten noch vorenthalten, sie werden jedoch stets, einfach und anmutig, als Selbstverständlichkeit zur Verfügung gehalten. Vor allem wird die Persönlichkeit des Kindes in jeder Hinsicht als gut respektiert. Weder gibt es den Begriff eines 'unartigen Kindes', noch wird umgekehrt irgendeine Unterscheidung hinsichtlich 'braver Kinder' getroffen. Es wird angenommen, dass das Kind in seinen Motiven in Übereinstimmung, nicht im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Was immer es tut, wird als Handlung eines von Geburt an 'richtigen' Geschöpfes anerkannt.