Zurück Start Höher Weiter

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (9)

Nach Erfüllung des Bedürfnisses nach Körperkontakt wendet sich das Baby seiner Umwelt zu.

Wenn dem Baby durch die Erfahrung des Getragenwerdens alle damit verbundene Sicherheit und Anregung in vollem Maße zuteil geworden sind, kann es sich dem Kommenden, dem Draußen, der Welt jenseits der Mutter, freudig zuwenden, voller Selbstvertrauen und gewöhnt an ein Wohlgefühl, das seine Natur aufrechtzuerhalten neigt. Erwartungsvoll sieht es der nächsten Folge angemessener Erfahrungen entgegen. Jetzt beginnt es zu kriechen, wobei es häufig zurückkehrt, um sich der Gegenwart seiner Mutter zu vergewissern. Findet es sie in steter Bereitschaft, so wagt es sich weiter hinaus und kehrt weniger häufig zurück, wobei das Kriechen allmählich in ein Krabbeln übergeht; seine zunehmende Beweglichkeit hält dabei Schritt mit seiner Neugier auf das umgebende Gelände, wie das Kontinuum es vorsieht.

Das Bedürfnis nach Körperkontakt nimmt, wenn das entsprechende Erfahrungskontingent erfüllt worden ist, rasch ab, und normalerweise verlangt ein Baby, Krabbelkind, Kleinkind oder Erwachsener nur in Augenblicken von Stress, den es mit seinen gegenwärtigen Kräften nicht bewältigen kann, nach Unterstützung seiner so erlangten Fähigkeiten. Diese Augenblicke werden zunehmend seltener und das Selbstvertrauen nimmt so rapide an Tiefe und Umfang zu, dass es jedem, der nur Kinder der Zivilisation kennt, welche der vollständigen Erfahrung des Getragenwerdens beraubt sind, erstaunlich vorkommen muss.

Wenn Kinder auf einigen Entwicklungsgebieten voraus sind, während andere zurückhängen, weil sie noch auf Vervollständigung warten, so ist die Folge eine Spaltung ihrer Motive: sie sind nie fähig, etwas zu wollen, ohne zugleich zu wollen, dass sie Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sind; noch sind sie je imstande, sich konzentriert dem jeweils vorliegenden Problem zuzuwenden, dürstet doch ein Teil von ihnen noch immer nach der sorglosen Euphorie des Säuglings in den Armen eines Menschen, der alle Probleme löst. Sie können auch nicht gänzlich von ihrer zunehmenden Kraft und Fähigkeit Gebrauch machen, solange noch ein Teil von ihnen sich danach sehnt, hilflos getragen zu werden. Jede Anstrengung steht in gewissem Maße in Konflikt mit einem darunter verborgenen Wunsch nach dem mühelosen Erfolg des geliebten Babies. Das Kind, das eine feste Grundlage von Kontinuum-Erfahrung hinter sich hat, nimmt Zuflucht zu körperlichem Trost von seiner Mutter nur in Notfällen.

Mit dem Beginn des Kriechens fängt das Baby an, von den durch seine vorausgehende Erfahrung und ohne eigenes Zutun bereitgestellten Kräften zu profitieren, ebenso wie von der körperlichen Entwicklung, welche die Kräfte nutzbar macht. Im allgemeinen sind seine ersten Ausflüge kurz und vorsichtig, und seine Mutter, oder wer sonst sich um es kümmert, braucht sich in seine Aktivitäten kaum einzumischen. Wie alle kleinen Tiere verfügt es über ein ausgeprägtes Selbsterhaltungstalent und ein realistisches Gespür für seine Fähigkeiten. Gibt die Mutter seinen sozialen Instinkten zu erkennen, dass sie von ihm erwartet, ihr die Sorge für seine Sicherheit zu überlassen, so wird es kooperieren und entsprechend handeln. Wird es hingegen ständig beobachtet und dahin gesteuert, wo es nach Auffassung seiner Mutter hingehen sollte, hält sie es an und rennt ihm hinterher, wenn es aus eigenem Antrieb handelt, so lernt es bald, nicht mehr für sich verantwortlich zu sein, da sie ihm ja zeigt, was sie von ihm erwartet.

Einer der stärksten Impulse in dem höchst sozialen menschlichen Tier ist der Antrieb,
zu tun, was man seiner Wahrnehmung nach von ihm erwartet.