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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (7)

Die frühesten Eindrücke des Babies prägen sein ganzes Leben am stärksten.

Nicht vorbereitet hingegen ist es auf irgendeinen noch größeren Sprung – geschweige denn auf einen Sprung ins Nichts, in Nicht-Leben, in einen Korb mit Stoff ausgeschlagen oder in ein Plastikkästchen, das sich nicht bewegt, keinen Ton von sich gibt, das weder den Geruch noch das Gefühl von Leben aufweist. Kein Wunder, wenn das gewaltsame Auseinanderreißen des Mutter-Kind-Kontinuums, das sich während der Zeit im Mutterleib so stark ausprägte, sowohl Depression bei der Mutter als auch Todesangst beim Säugling auslöst.

Jedes Nervenende unter seiner erstmals bloßgelegten Haut fiebert der erwarteten Umarmung entgegen; sein ganzes Sein, das Wesen all dessen, was es ist, zielt darauf, dass es auf Armen getragen wird. Jahrmillionen hindurch sind Neugeborene vom Augenblick der Geburt an eng an ihre Mutter gehalten worden. Als unsere Vorfahren auf allen Vieren herumliefen und ein Fell zum Festhalten hatten, waren es die Babies, die dafür sorgten, dass die Mutter-Kind-Bindung nicht beeinträchtigt wurde. Ihr Überleben hing davon ab. Als wir haarlos wurden und uns auf die Hinterbeine stellten, wodurch die Mutter die Hände freibekam, wurde es Sache der Mutter, den Zusammenhalt zu sichern. Dass sie seit kurzem an einigen Orten der Welt ihre Verantwortung für den gegenseitigen Kontakt als freie Entscheidungssache betrachtet, ändert nicht das geringste daran, dass das Bedürfnis, getragen zu werden, für das Baby stark und eindringlich ist.

Die am frühesten ausgeprägten Bestandteile der psychobiologischen Ausstattung eines Kleinkindes sind diejenigen, welche die Weltsicht seines ganzen Lebens am stärksten prägen. Was es fühlt, ehe es denken kann, ist ein mächtiger Bestimmungsfaktor dafür, woran es denkt, wenn Denken möglich wird. Fühlt es sich sicher, erwünscht und 'daheim' als Mittelpunkt der Aktivität, noch ehe es denken kann, so wird sich seine Sichtweise späterer Erfahrungen qualitativ sehr von jener eines Kindes unterscheiden, das sich unwillkommen und aufgrund von fehlender Erfahrung nicht angeregt fühlt und das sich an einen Zustand unerfüllten Verlangens gewöhnt hat, obwohl die späteren Erfahrungen beider Kinder identisch sein können.

Stimmen seine späteren Erfahrungen ihrem Wesen nach nicht mit denen überein, die ihn geprägt haben, neigt es dazu, sie auf Biegen und Brechen dahingehend zu beeinflussen, dass sie dieses Wesen annehmen. Ist es an Alleinsein gewöhnt, wird es unbewusst sein Leben so einrichten, dass ihm ein ähnliches Maß von Alleinsein beschert wird. Möglichen Versuchen seinerseits bzw. durch die äußeren Umstände, es weitaus einsamer bzw. weit weniger einsam zu machen als es gewohnt ist, wird sein Bestreben nach Stabilität Widerstand leisten.

Selbst ein gewohntes Maß von Angst wird für gewöhnlich aufrechterhalten; kann doch ein plötzlicher Verlust all dessen, 'worüber man sich Sorgen machen kann', eine umfassendere und unendlich viel akutere Form von Angst hervorrufen. Für einen seinem Wesen nach am Rande der Katastrophe beheimateten Menschen ist ein Riesenschritt in die Sicherheit nicht minder unerträglich als die Verwirklichung all dessen, was er am meisten fürchtet. Hier ist die Tendenz am Werk, das aufrechtzuerhalten, was eigentlich ein in der Säuglingszeit etabliertes hohes Niveau von Wohlbefinden hätte sein sollen. Jede Art von Versagen gründet im allgemeinen weder auf Unfähigkeit, noch auf Pech, noch auf Konkurrenz anderer, sondern auf eine Bestrebung in dem Betreffenden, sich den Zustand zu erhalten, in dem er sich heimisch zu fühlen gelernt hat.