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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (6)

Was einem Baby nach der Geburt begegnet, ist für sein Gefühl das Wesen des Lebens selbst.

Die Mutterrolle, die einzige Rolle, die zu einem Säugling in den ersten Monaten eine Beziehung herstellen kann, wird instinktiv von Vätern, anderen Kindern und auch sonst von jedem gespielt, der sich, und sei es nur für einen Augenblick, um das Kind kümmert. Zwischen Geschlechtern oder Altersgruppen zu unterscheiden ist nicht Sache eines Babies.

Es gibt also für den Säugling eine einzig mögliche Art von Beziehung; und in jedem von uns schlummert eine ganze Folge möglicher Reaktionen auf seine Signale. Auch wir – jeder von uns, ob Mann, Frau, Mädchen oder Junge – verfügen über ein genau detailliertes Wissen um die Ausübung der Babypflege, ungeachtet der Tatsache, dass wir es in letzter Zeit – ich meine seit nur wenigen Jahrtausenden – dem Intellekt gestattet haben, seine unbeholfenen Einfälle in dieser lebenswichtigen Angelegenheit zu erproben; wir haben uns auf so launenhafte Weise gegen unsere angeborene Fähigkeit vergangen, dass sogar ihr Vorhandensein jetzt so gut wie vergessen ist.

In den 'fortgeschrittenen' Ländern ist es üblich, sich ein Buch über Babypflege zu kaufen, sowie ein Neuankömmling erwartet wird. Dabei kann es gerade Mode sein, das Baby schreien zu lassen, bis ihm das Herz bricht und es aufgibt, abstumpft und ein 'braves Baby' wird; oder es aufzunehmen, wenn die Mutter gerade mal Lust und nichts weiter zu tun hat; oder, wie es eine neuere Denkrichtung wollte, das Baby in einem emotionalen Leerraum zu belassen, unberührt, außer im Falle absoluter Notwendigkeit, und auch dann nur, ohne einen Gesichtsausdruck zu zeigen – keine Freude, kein Lächeln, keine Bewunderung, nur ein leeres Starren. Was immer es sei, die jungen Mütter lesen und gehorchen – ohne Vertrauen auf ihre angeborene Fähigkeit, ohne Vertrauen auch zu den 'Beweggründen' des Babies, aus denen es die immer noch vollkommen deutlichen Signale aussendet. Babies sind in der Tat zu einer Art Feind geworden, den die Mutter besiegen muss. Weinen muss ignoriert werden, um dem Baby zu zeigen, wer der Herr ist; und eine Grundvoraussetzung der Beziehung ist, dass jede Anstrengung unternommen werden muss, um das Baby zur Anpassung an die Wünsche der Mutter zu zwingen. Unfreundlichkeit, Missbilligung oder ein anderer Ausdruck von Liebesentzug wird gezeigt, wenn das Verhalten des Babies 'Arbeit' verursacht, Zeit 'vergeudet' oder sonst wie als unbequem empfunden wird. Dahinter steckt die Auffassung, dass das Baby 'verwöhnt' wird, wenn man seinen Wünschen nachgibt, während es seiner Zähmung bzw. Sozialisation dient, wenn man sich ihnen widersetzt. In Wirklichkeit wird in beiden Fällen die gegenteilige Wirkung erzielt.

Die Zeit unmittelbar nach der Geburt ist der Teil des Lebens außerhalb des Mutterleibes, der die nachhaltigsten Eindrücke hinterlässt. Was einem Baby dann begegnet, ist für sein Gefühl das Wesen des Lebens selbst, so wie es sein wird. Jeder spätere Eindruck kann, in höherem oder geringeren Maße, jenen ersten Eindruck lediglich modifizieren, der ihm widerfuhr, als es noch nicht über Vorerfahrung hinsichtlich der Außenwelt verfügte. Seine Erwartungen sind die unflexibelsten, die es je hegen wird. Die Veränderung gegenüber der uneingeschränkten Gastlichkeit des Mutterleibes ist gewaltig, aber wie wir gesehen haben, wurde es vorbereitet auf den großen Sprung vom Mutterleib zu seinem Platz auf den Armen.