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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (5)

Der erwartete Platz des Säuglings ist getragen auf den Armen.

Der Säugling lebt im ewigen Jetzt; der Säugling, der getragen wird, in einem Zustand der Glückseligkeit; der nicht ständig getragene Säugling hingegen in einem Zustand unerfüllten Verlangens in der Öde eines leeren Universums. Seine Erwartungen mischen sich mit dem Tagesgeschehen, und die angeborenen von den Vorfahren herstammenden Erwartungen werden durch jene überlagert, die auf der eigenen Erfahrung gründen. Das Ausmaß, zu dem die beiden Erwartungsfolgen sich unterscheiden, bestimmt die Entfernung, die ihn später von seinem angeborenen Potential, sich wohlzufühlen, trennt.

Die beiden Erwartungsfolgen sind sich völlig unähnlich. Die im Laufe der Evolution ausgeprägten sind Gewissheiten, bis sie verraten werden; die angelernten hingegen, die von ihnen abweichen, haben den negativen Charakter betrogener Hoffnung und schlagen sich nieder als Zweifel, Misstrauen, Angst vor dem Verletztwerden durch weitere Erfahrung oder, am unabänderlichsten, als Resignation.

All diese Reaktionen sind Schutzvorrichtungen des Kontinuums in Aktion; Resignation als Ergebnis äußerster Hoffnungslosigkeit jedoch bewirkt das Betäuben der ursprünglichen Erwartung, dass sich vielleicht Bedingungen finden ließen, unter denen die Folge von Erwartung und Erfüllung sich fortsetzen könnte.

Entwicklungsreihen werden zum Stillstand gebracht an dem Punkt, an dem ihre jeweiligen Bedürfnisse nach Erfahrungen nicht mehr erfüllt werden. Einige werden schon im Säuglingsalter angehalten, während andere sich fortsetzen bis zu ihrer Stilllegung später in der Kindheit oder sich gemäß ihrer evolutionären Bestimmung durch das Erwachsenenleben hindurch weiterentwickeln. Gewisse Aspekte gefühlsmäßiger, intellektueller und körperlicher Fähigkeiten können bei geschädigten Individuen gleichzeitig vorhanden sein, sich dabei jedoch in sehr unterschiedlichen Reifestadien befinden. Alle Entwicklungsreihen, ob verkümmert oder ausgereift, wirken weiterhin zusammen, so wie sie sind – eine jede in Erwartung jener Erfahrung, die ihr Bedürfnis erfüllen kann, und unfähig, sich irgendetwas anderem zuzuwenden.

Bei der Geburt also gibt es Schocks, die nicht erschüttern – entweder, weil sie erwartet sind (und sonst vermisst würden), oder, weil sie nicht urplötzlich eintreten. Es ist unzutreffend, sich die Geburt vorzustellen als Zeitpunkt der Vollendung des Babies, wie das Ende eines Fließbandes; denn einige Bestandteile sind schon im Mutterleib 'geboren' worden, während andere erst später in Funktion treten. Bei der Geburt ereignet sich der folgenschwere Übergang von der völlig lebendigen Umwelt im Innern des mütterlichen Körpers zu einer teilweise lebendigen außerhalb. Obwohl ihr allgewährender Körper da ist und (seit dem handbefreienden Ereignis des aufrechten Ganges) auch ihre unterstützenden Arme, berührt viel leblose, fremdartige Luft den Körper des Säuglings. Aber auch darauf ist er vorbereitet; sein Platz auf den Armen ist der erwartete Platz, seinem innersten Gefühl nach sein Platz, und was er erfährt, während er getragen wird, ist für sein Kontinuumgefühl annehmbar, erfüllt seine jetzigen Bedürfnisse und fördert seine Entwicklung auf die richtige Weise.

Alle Babies sind gut, können dies selber jedoch nur erfahren durch Widerspiegelung, durch die Art, wie sie behandelt werden. Es gibt keine andere lebensfähige Art des Selbstgefühls für einen Menschen, alle anderen Arten des Fühlens sind als Grundlage für Wohlbefinden ungeeignet. Richtigkeit ist das den Einzelwesen unserer Gattung angemessene grundlegende Gefühl von sich selbst. Ohne das Gefühl des Richtigseins hat man kein Gespür dafür, wie viel an Wohlgefühl, Sicherheit, Hilfe, Gesellschaft, Liebe, Freundschaft, Gegenständen, Lust oder Freude man beanspruchen kann. Einem Menschen, dem dieses Gefühl mangelt, kommt es oft vor, als sei ein leerer Fleck, wo er selbst sein sollte.

Vieler Menschen Leben erschöpft sich nahezu darin, einen Beweis für ihr eigenes Existieren zu suchen. Rennfahrer, Bergsteiger, Kriegshelden und andere Waghalsige, die aus Spaß den Tod herausfordern, sind oft nur bemüht, zu fühlen, dass sie tatsächlich am Leben sind, indem sie eine möglichst enge Verbindung mit dem Gegenteil eingehen. Aber das Aufrütteln des Selbsterhaltungstriebes vermag nur verschwommen und vorübergehend den stetigen warmen Strom des fehlenden Selbstgefühls vorzutäuschen.