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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (4)

Der Beginn des Lebens.

Während seiner Zeit im Mutterleib sollte es dem kleinen Menschenwesen noch vergönnt sein, den Entwicklungsstadien seiner Vorfahren geradlinig zu folgen, ohne dass ihm viel geschieht, worauf die Erfahrung seiner Vorfahren im Mutterleib es nicht vorbereitet hätte. Die Geräusche, die es hört, sind nicht so viel anders. Es hört ihren Herzschlag und ihre Stimme sowie die Stimmen anderer Menschen und Tiere. Es vernimmt die Geräusche ihres Körpers beim Verdauen, Schnarchen, Lachen, Singen, Husten usw. und ist nicht beunruhigt, denn seine Anpassungen haben diese mitberücksichtigt in den Millionen von Jahren, da seine Vorfahren ähnliche Geräusche ebenso laut und ebenso plötzlich vernahmen. Aufgrund von deren Erfahrung erwartet es die Geräusche, das Herumgestoßenwerden und die plötzlichen Bewegungen; sie sind Bestandteil der Erfahrung, die es zur Vollendung seiner vorgeburtlichen Entwicklung benötigt.

Zum Zeitpunkt der Geburt hat ein Baby sich in seinem Schutzraum schon weit genug entwickelt, um heraustreten und das Leben in der unendlich ungeschützteren Außenwelt fortsetzen zu können. Der Schock wird teilweise aufgefangen durch Mechanismen wie hohe Gammaglobulin-Dosen als Infektionsschutz, die langsam genug abnehmen, um es zur Herausbildung von Immunität zu befähigen; durch eingeschränktes Sehvermögen, das erst allmählich, geraume Zeit nach dem Abklingen des Geburtsschocks, voller Sicht weicht; sowie durch ein allgemeines Entwicklungsprogramm, das in vielen Aspekten der Ausstattung schon vor der Geburt festgelegt ist, wie den Reflexen, dem Kreislaufsystem und dem Gehör, in anderen erst Tage, Wochen oder Monate später, wozu auch das schrittweise In-Funktion-Treten der verschiedenen Hirnregionen gehört.

Im Augenblick der Geburt selbst findet statt: der radikale Wandel der unmittelbaren Umgebung von Nass zu Trocken; der Übergang zu niedrigerer Temperatur und plötzlich ungedämpften Geräuschen; das Umschalten auf die eigene Fähigkeit des Babies, sich durch Atmen mit Sauerstoff zu versorgen; und ein Stellungswechsel von Kopf-nach-unten zu Kopf-nach-oben. Aber das Neugeborene kann diese und alle anderen mit der natürlichen Geburt verbundenen Empfindungen mit erstaunlichem Gleichmut ertragen.

In den frühesten Stadien nach der Geburt lebt ein Kleinkind in einem Bewusstseinszustand, der nur aus Empfindung besteht; ihm fehlt die Fähigkeit vernunftmäßigen Denkens, der bewussten Erinnerung, des Nachdenkens oder Beurteilens.

Der Mangel an Gespür für das Vergehen der Zeit ist für ein Kind im Mutterleib oder während der Phase des Getragenwerdens kein Nachteil: es fühlt sich einfach richtig. Für einen nicht auf dem Arm getragenen Säugling jedoch ist die Unfähigkeit, sein Leiden durch Hoffen (was ein Zeitgefühl voraussetzt) wenigstens teilweise zu mildern, wohl der grausamste Aspekt seiner Qual. Daher kann sein Weinen nicht einmal Hoffnung enthalten, obwohl es als Signal wirkt, Erleichterung herbeizurufen. Später, wenn die Wochen und Monate vergehen und das Bewusstsein des Kleinkindes sich erweitert, wird Hoffnung vage empfunden, und das Weinen wird zu einer Handlung, mit der etwas erreicht werden soll. Aber die langen Stunden des Wartens werden durch das Aufdämmern des Zeitgefühls kaum erleichtert. Der Mangel an vorangegangener Erfahrung lässt die Zeit für ein Baby im Zustand unerfüllten Sehnens unerträglich lang erscheinen.

Noch Jahre später, etwa mit fünf, ist das im August gemachte Versprechen, zu Weihnachten werde es ein Fahrrad bekommen, ungefähr so befriedigend wie gar kein Versprechen. Im Alter von zehn Jahren ist die Zeit im Lichte der Erfahrung soweit zusammengeschrumpft, dass das Kind auf bestimmte Dinge einen Tag mehr oder weniger zufrieden warten kann, auf andere eine Woche und auf besondere Gegenstände einen Monat. Ein Jahr jedoch ist dann noch immer völlig bedeutungsleer, wenn es darum geht, ein Grundbedürfnis zu beschwichtigen; und die Gegenwart behält einen Absolutheitscharakter bei, der erst nach einer Unmenge weiterer Erfahrung einem Gefühl für die Relativität von Ereignissen zur eigenen Zeitskala und zum eigenen Wertsystem weichen kann. Die meisten Menschen besitzen überhaupt erst im Alter von vierzig oder fünfzig Jahren irgendeine Art von Perspektive hinsichtlich eines Tages oder eines Monats im Kontext des Lebensganzen, während nur wenige Gurus und Achtzigjährige imstande sind, die Beziehung von Augenblicken oder Lebensspannen zur Ewigkeit wahrzunehmen (indem ihnen die Bedeutungslosigkeit des willkürlichen Zeitbegriffs vollständig klar wird).