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Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (3)

Die Evolution schafft Stabilität, die Veränderung bringt Verletzlichkeit hervor.

In jeder Lebensform ist die Bestrebung, sich zu entwickeln, nicht zufällig, sondern dient den eigenen Interessen. Ihr Ziel ist größere Stabilität, d.h. größere Vielfalt, Komplexität und daher Angepasstheit. Das ist ganz und gar nicht das, was wir 'Fortschritt' nennen. In der Tat spielt der Widerstand gegen Veränderung, der keineswegs im Konflikt mit der Tendenz zur Evolution steht, sogar eine unentbehrliche Rolle bei der Erhaltung der Stabilität eines jeden Systems.

Darüber, was unseren eigenen angeborenen Widerstand gegen Veränderung vor etlichen Jahrtausenden unterbrochen haben mag, können wir allenfalls Spekulationen anstellen. Wichtiger ist jedoch, die Bedeutsamkeit von Evolution gegenüber (nicht-entwickelter) Veränderung zu verstehen. Beide verfolgen völlig entgegengesetzte Ziele; denn das, was die Evolution an Vielfalt hervorbringt, die immer genauer an unsere Erfordernisse angepasst ist, zerstört die Veränderung durch das Ins-Spiel-Bringen von Verhaltensweisen oder Umständen, welche nicht die ganze Skala der unseren Interessen am besten dienenden Faktoren in Betracht ziehen. Veränderung vermag lediglich einen Teil wohlintegrierten Verhaltens durch einen anderen zu ersetzen, der dies nicht ist. Sie ersetzt das Komplexe und Angepasste durch das Einfachere und weniger Angepasste. Folglich übt die Veränderung einen Druck aus auf das Gleichgewicht all der eng miteinander verwobenen Faktoren innerhalb und außerhalb des Systems.

Auch soziale Gebilde folgen diesen Regeln. Eine evolvierte Kultur, eine Lebensform, die einer Gruppe von Menschen ihre sozialen Erwartungen erfüllt, kann eine jede von einer endlosen Vielfalt möglicher Strukturen sein. Die oberflächlichen Eigenschaften dieser Strukturen sind die veränderlichsten, ihre Grundsätze die am wenigsten veränderlichen, und in bestimmten Grundzügen sind sie unweigerlich identisch. Sie widerstreben der Veränderung, da sie sich wie jedes stabile System in der Natur über eine lange Zeitspanne hinweg herausgebildet haben. Daraus folgt wohl auch, dass die Struktur an der Oberfläche (bezüglich Verhaltensweisen im einzelnen, Ritualen, Erfordernis von Konformität) um so weniger streng zu sein braucht, je weniger der Verstand dem Instinkt bei der Ausbildung von Verhaltensmustern in die Quere gekommen ist; desto unveränderlicher aber muss sie im Kern sein (in der Einstellung zum Selbst oder gegenüber den Rechten anderer; in der Empfänglichkeit für Instinktsignale, die Überleben, Gesundheit, Freude begünstigen; im Gleichgewicht der Tätigkeiten, Impuls zur Erhaltung der Gattung, Sparsamkeit in der Nutzung von Pflanzen und Tieren der Umwelt usw.). Mit einem Wort:

Je mehr eine Kultur sich bei der Entscheidung über Verhaltensregeln auf den Intellekt verlässt,
desto mehr Einschränkungen für den Einzelnen werden für ihren Fortbestand erforderlich.