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Allgemeine Menschenkunde (20)

Gedächtnis und Erinnerungskraft - Die Menschennatur

Gedächtnis- und Erinnerungskraft hebt man vom Gefühl und Willen aus

Wir können so etwas wie Gedächtnis, Erinnerungskraft, nur begreifen, wenn wir es in ein Verhältnis bringen zu, für die äußere Beobachtung durchsichtigeren Vorgängen, zu Schlafen und Wachen. Sie werden daraus sehen, dass es das pädagogische Bestreben sein muss, immer mehr und mehr das Unbekanntere an das Bekanntere auch in Bezug auf geistige Ideenbildung heranzubringen. Wer sorgfältig beobachtet, was dem Menschen verloren geht durch einen gestörten Schlaf, der wird daraus eine Erkenntnis schöpfen können für das gestörte menschliche Seelenleben, wenn Vergessen nicht in das richtige Verhältnis gebracht wird zum Erinnern.

Wir wissen aus dem äußeren Leben, dass schon ein gehörig langer Schlaf notwendig ist, wenn nicht das Ich-Bewusstsein immer schwächer gemacht werden soll, indem es durch einen gestörten Schlafzustand zu stark hingegeben wird an die Eindrücke der Außenwelt. Werden Sie durch irgendeinen körperlichen Zustand, kurz, für das Seelische mehr von außen, in Ihrem Schlaf gestört, dann merken Sie vielleicht schon am nächsten Tag, wie Sie von den Dingen, die auf Sie Eindruck machen, in einer unangenehmeren Weise berührt werden, als Sie sonst berührt werden. Sie sind gewissermaßen in Ihrem Ich dadurch empfindlich geworden.

So ist es auch, wenn Vergessen und Erinnern in einer falschen Weise in das menschliche Seelenleben hereinspielen, wenn wir nicht willkürlich unser Vergessen und Erinnern regeln können. Es gibt ja viele Menschen, die duseln so durch das Leben dahin. Äußeres macht auf sie Eindruck, sie geben sich diesen Eindrücken hin, sie verfolgen aber die Eindrücke nicht ordentlich, sondern lassen sie so vorüberhuschen. Sie verbinden sich gewissermaßen nicht ordentlich durch ihr Ich mit den Eindrücken. Dann aber duseln sie auch wieder in den frei aufsteigenden Vorstellungen, wenn sie nicht richtig dem äußeren Leben hingegeben sind. Sie suchen nicht durch Willkür den Schatz ihrer Vorstellungen bei irgendeiner Veranlassung zu heben, um dies oder jenes gut zu verstehen, sondern sie lassen die Vorstellungen, die aus dem Inneren aufsteigen wollen, von selbst aufsteigen. Da kommt bald diese, bald jene Vorstellung. Da hat die Willkür keinen besonderen Einfluss darauf.

Man wird Abhilfe schaffen und das Erinnern und Vergessen immer mehr und mehr in die Sphäre der Willkür stellen, wenn man weiß, dass Schlafen und Wachen auch mitspielen bei diesem Erinnern und Vergessen. Denn woher kommt das Erinnern? Der Wille, in dem wir ja schlafen, ergreift eine Vorstellung unten im Unbewussten und trägt sie herauf ins Bewusstsein. Da der Wille aber schlafend ist, können Sie nicht unmittelbar im Kind bewirken, dass es lerne, seinen Willen zu gebrauchen. Was ist da zu tun? Man kann den ganzen Menschen so erziehen, dass er seelische, leibliche und geistige Lebensgewohnheiten entwickelt, die zu einem Aufraffen des Willens im Einzelfall führen.

Nehmen wir an, wir erwecken durch besondere Behandlungsarten in dem Kind ein lebendiges Interesse zum Beispiel für die Tierwelt. Dieses Interesse für die Tierwelt werden wir natürlich nicht in einem Tag entwickeln können. Wir werden den ganzen Unterricht so zu veranlagen haben, dass allmählich das Interesse für die Tierwelt immer mehr und mehr sich einstellt und erwacht. Ist ein Kind durch einen solchen Unterricht durchgegangen, dann geht dieser Unterricht, je lebendigere Interessen er erweckt, um so mehr über auf den Willen. Dieser Wille bekommt dann im allgemeinen die Eigenschaft, wenn in einem geordneten Leben für die Erinnerung Tiervorstellungen gebraucht werden, diese aus dem Unterbewusstsein, aus der Vergessenheit heraufzuholen. Nur dadurch, dass Sie auf das Habituelle des Menschen, auf das Gewohnheitsmäßige wirken, bringen Sie seinen Willen und damit auch seine Erinnerungskraft in Ordnung.

Das heißt mit anderen Worten: Sie müssen auf diese Art durchschauen, warum alles, was beim Kind ein intensives Interesse erweckt, auch dazu beiträgt, sein Gedächtnis tatkräftig zu stärken. Denn die Gedächtniskraft muss man heben vom Gefühl und Willen aus, nicht etwa durch bloße intellektuelle Gedächtnisübungen.
 

Die Menschennatur: In jedem Teil wirkt das Ganze

In der Welt und insbesondere in der menschlichen Welt ist alles in einem gewissen Sinn getrennt, aber das Getrennte wirkt auch wieder zusammen. Wir können den Menschen in Bezug auf sein Seelisches nicht begreifen, wenn wir nicht das Seelische trennen, gliedern nach Denken oder denkendem Erkennen, Fühlen und Wollen. Aber nirgends ist denkendes Erkennen, Fühlen und Wollen rein vorhanden, immer wirken die drei ineinander zu einer Einheit, verweben sich. Und so ist es in der ganzen menschlichen Wesenheit bis in das Leibliche hinein.

Ich habe Ihnen angedeutet, dass der Mensch hauptsächlich Kopf ist im Kopfteil, dass er aber eigentlich ganz Kopf ist. Er ist hauptsächlich Brust als Brustmensch, aber eigentlich ist er ganz Brustmensch, denn auch der Kopf hat Anteil an der Brustnatur und ebenso auch der Gliedmaßenmensch. Und auch der Gliedmaßenmensch ist hauptsächlich Gliedmaßenmensch, aber eigentlich ist der ganze Mensch Gliedmaßenmensch. Aber auch die Gliedmaßen haben Anteil an der Kopfnatur und ebenso an der Brustnatur. Sie nehmen zum Beispiel auch an der Hautatmung teil und so weiter.

Will man sich der Wirklichkeit nähern, insbesondere der Wirklichkeit der Menschennatur, dann muss man sich klar sein, dass alle Gliederung vorgenommen wird in einem Einheitlichen. Würde man nur auf das abstrakt Einheitliche gehen, so würde man überhaupt nichts kennen lernen. Würde man niemals gliedern, so bliebe die Welt immer in einem Unbestimmten, wie in der Nacht alle Katzen grau sind. Menschen, die daher alles in abstrakten Einheiten erfassen wollen, sehen die Welt grau in grau. Und würde man nur gliedern, nur trennen, alles auseinander halten, so würde man niemals zu einer wirklichen Erkenntnis kommen, denn dann würde man nur Verschiedenes erfassen, und die Erkenntnis bliebe aus.

So ist alles, was im Menschen ist, zum Teil erkennender, zum Teil fühlender, zum Teil wollender Natur. Und was erkennend ist, das ist hauptsächlich erkennend, aber auch gefühlsmäßig und willensmäßig; was fühlend ist, das ist hauptsächlich fühlend, aber auch erkennend und willensmäßig, und ebenso ist es mit dem Wollenden.