Zurück Start Höher Weiter

Allgemeine Menschenkunde (19)

Geistiges Beobachten des Menschenleibes in Zeit und Raum

Wir haben auf unserem bisherigen Gang durch die allgemeine Pädagogik versucht, zunächst vom seelischen, dann vom geistigen Gesichtspunkt aus das Menschenwesen zu begreifen. Betrachten wir vom seelischen Gesichtspunkt aus den Menschen, so legen wir das Hauptgewicht darauf, Antipathien und Sympathien innerhalb der Weltgesetzmäßigkeit zu entdecken. Betrachten wir aber vom geistigen Gesichtspunkt aus den Menschen, so müssen wir das Hauptgewicht darauf legen, Bewusstseinszustände zu entdecken.
 

Beobachten - Beziehen - Begreifen
 

Indem wir uns zur Welt erkennend in Beziehung setzen, beobachten wir zunächst. Entweder beobachten wir mit unseren Sinnen, wie wir das im gewöhnlichen Leben tun, oder wir entwickeln uns etwas weiter und beobachten mit Seele und Geist, wie wir das im Imaginieren, in der Inspiration und in der Intuition können. Aber auch das geistige Beobachten ist eben ein Beobachten, und notwendig ist zur Ergänzung alles Beobachtens, dass wir begreifen. Begreifen aber können wir nur, wenn wir das eine auf das andere im Weltall, in unserer Umgebung beziehen. Sie können sich gute Begriffe verschaffen von Leib, Seele und Geist, wenn Sie den ganzen menschlichen Lebenslauf ins Auge fassen. Nur müssen Sie berücksichtigen, dass Sie bei solchem Beziehen, wie ich es jetzt andeuten werde, immer nur die allerersten Anfangsgründe des Begreifens haben. Sie müssen dann die Begriffe, welche Sie auf diese Art bekommen, weiter ausbilden.

Betrachten Sie nämlich das erst in die Welt gekommene Kind, betrachten Sie es in seinen Formen, in seinen Bewegungen, in seinen Lebensäußerungen, im Schreien, im Lallen und so weiter, dann bekommen Sie mehr ein Bild des Menschenleibes. Aber Sie bekommen dieses Bild des Menschenleibes auch nur vollständig, wenn Sie es beziehen auf das mittlere und auf das greise Lebensalter des Menschen. Im mittleren Lebensalter ist der Mensch mehr seelisch, im Greisenalter ist er am meisten geistig. Selbstverständlich werden da manche sagen: Aber viele Greise werden doch wieder ganz schwachgeistig! Das ist insbesondere ein Einwand des Materialismus gegen das Seelisch-Geistige. Auch ein solcher Mensch ist vor der Todespforte weiser, als er in seiner Kindheit war. Nur war in seiner Kindheit sein Leib imstande, alles aufzunehmen, was aus seiner Weisheit kam. Dadurch konnte es im physischen Leben bewusst werden. Im Greisenalter dagegen wird der Leib unfähig, das auch aufzunehmen, was der Geist ihm liefert. Es ist der Leib dann kein richtiges Werkzeug des Geistes mehr. Daher kann ihm nicht mehr zu Bewusstsein kommen, was in seinem Geist lebt. Man muss sich also klar darüber sein, dass man im Alter weise, geistvoll wird, dass man sich den Geistern nähert. Daher wird man bei solchen Greisen, die sich bis ins hohe Alter hinein Elastizität und Lebenskraft für ihren Geist bewahren, die Eigenschaften des Geistigen in ihrem Anfang erkennen müssen.

Betrachten wir dagegen den Menschen in seinen Lebensäußerungen mehr in seinem mittleren Alter, so bekommen wir die Anfangsgründe für das Beobachten des Seelischen. Daher kann auch der Mensch in seinem mittleren Lebensalter das Seelische mehr verleugnen. Er kann seelenlos oder sehr beseelt erscheinen. Denn das Seelische steht in der Freiheit des Menschen, auch in der Erziehung. Dass manche Menschen sehr seelenlos sind in ihrer mittleren Lebenszeit, beweist daher nichts dagegen, dass die mittlere Lebenszeit die eigentlich seelische ist. Wenn man vergleicht die mehr zappelnde, unbewusst sich betätigende Leibesnatur des Kindes mit der beschaulichen, ruhigen Leibesnatur des Alters, so hat man auf der einen Seite einen Leib, der besonders seinen Leib hervorkehrt im Kind, und einen Leib, der den Leib als solchen zurücktreten lässt, der sich gewissermaßen als Leib selbst verleugnet, im Greisenalter.

Wenn wir diese Betrachtung mehr auf das Seelische anwenden, dann werden wir sagen: Der Mensch trägt in sich denkendes Erkennen, Fühlen und Wollen. Schauen wir das Kind an, dann haben wir in dem Bild, das uns das Kind seelisch darbietet, eine enge Verknüpfung zwischen Wollen und Fühlen. Man möchte sagen, Wollen und Fühlen sind im Kind zusammengewachsen. Wenn das Kind zappelt, strampelt, so macht es genau die Bewegungen, die seinem Fühlen in diesem Augenblick entsprechen. Es ist nicht imstande, die Bewegungen etwa von dem Gefühl auseinander zu halten.

Anders ist das beim Greis. Bei ihm ist das Entgegengesetzte der Fall: denkendes Erkennen und Fühlen sind zusammengewachsen, und das Wollen tritt in einer gewissen selbständigen Art auf. Es verläuft also der menschliche Lebensgang in der Weise, dass das Fühlen, welches zuerst an das Wollen gebunden ist, sich allmählich im Laufe des Lebens vom Wollen loslöst. Und damit haben wir es gerade vielfach im Erziehen zu tun: mit dem Loslösen des Fühlens vom Wollen. Dann verbindet sich das vom Wollen losgelöste Fühlen mit dem denkenden Erkennen. Damit hat es dann das spätere Leben zu tun. Wir haben das Kind für das spätere Leben nur dann richtig vorbereitet, wenn wir in ihm bewirken, dass das Fühlen sich gut von dem Wollen loslösen kann. Dann wird es in einer späteren Lebensära als Mann oder Frau auch das losgelöste Fühlen mit dem denkenden Erkennen verbinden können und wird so dem Leben gewachsen sein. Warum hören wir dem Greis zu, auch wenn er uns von seinen Lebenserfahrungen erzählt? Weil er im Laufe seines Lebens sein persönliches Empfinden verbunden hat mit seinen Begriffen und Ideen. Er erzählt uns nicht Theorien, er erzählt uns das, was er persönlich an Gefühlen hat anknüpfen können an die Ideen und Begriffe. Bei einem Greis, der wirklich sein Fühlen mit dem denkenden Erkennen verbunden hat, klingen daher die Begriffe und Ideen warm, klingen wirklichkeitsgesättigt, konkret, persönlich; während bei dem Menschen, der mehr im Mannes- oder Frauenalter stehen geblieben ist, die Begriffe und Ideen theoretisch, abstrakt, wissenschaftlich klingen. Das gehört einmal zum menschlichen Leben, dass von den menschlichen Seelenfähigkeiten ein gewisser Gang durchgemacht wird, indem sich das fühlende Wollen des Kindes entwickelt zu dem fühlenden Denken des Greises.
 

Die Empfindung
 

Nun müssen wir darauf Rücksicht nehmen, dass bei aller unserer Beobachtung der Welt etwas zuerst auftritt: das ist die Empfindung. Wenn irgendeiner unserer Sinne in Zusammenhang kommt mit der Umwelt, so empfinden wir. Wir empfinden die Farbe, die Töne, Wärme und Kälte. Sie werden dem Verständnis dieser Dinge näher kommen, wenn Sie durch die Einsicht in die Natur der Empfindungen selber sich die Frage beantworten können: Welcher der Seelenkräfte ist denn eigentlich die Empfindung am meisten verwandt? Wenn man die Empfindung wirklich in genügender Selbstbeobachtung durchschaut, so erkennt man: die Empfindung ist willensartiger Natur mit einem Einschlag von gefühlsmäßiger Natur. Sie ist zunächst nicht verwandt mit dem denkenden Erkennen, sondern mit dem fühlenden Wollen oder dem wollenden Fühlen. Daher müssen wir sagen: Da, wo sich äußerlich die menschliche Sinnessphäre ausbreitet - die Sinne tragen wir ja an der Außenseite unseres Leibes, wenn man sich grob ausdrücken darf -, da ist im Menschen in gewisser Weise fühlendes Wollen, wollendes Fühlen vorhanden. Was tun wir denn an dieser Oberfläche, wenn fühlendes Wollen, wollendes Fühlen vorhanden ist? Wir verüben eine Tätigkeit, die halb Schlafen und halb Traum ist; ein träumendes Schlafen, ein schlafendes Träumen könnten wir es auch nennen. Denn wir schlafen nicht nur in der Nacht, wir schlafen fortwährend an der Peripherie, an der äußeren Oberfläche unseres Leibes, und wir durchschauen als Menschen deshalb die Empfindungen nicht ganz, weil wir in diesen Gegenden, wo die Empfindungen sind, nur schlafend träumen und träumend schlafen. Es ist derselbe Grund, der uns auch hindert, wenn wir des Morgens erwachen, die Träume uns klar zum Bewusstsein zu bringen. Sie sehen, die Begriffe von Schlafen und Träumen haben noch eine ganz andere Bedeutung als die, welche wir im gewöhnlichen Leben anwenden würden. Wir kennen das Schlafen im gewöhnlichen Leben nur dadurch, dass wir wissen: in der Nacht, wenn wir im Bett liegen, schlafen wir. Wir wissen gar nicht, dass dieses Schlafen etwas ist, was eine viel größere Verbreitung hat, was wir fortwährend auch tun an unserer Körperoberfläche. Nur mischen sich an unserer Körperoberfläche in das Schlafen fortwährend Träume hinein. Diese 'Träume' sind die Sinnesempfindungen, bevor sie vom Verstand und vom denkenden Erkennen erfasst sind.

Sie müssen die Willens- und Fühlenssphäre beim Kind auch in seinen Sinnen aufsuchen. Deshalb betonen wir so stark, dass wir, indem wir das Kind intellektuell erziehen, auch auf den Willen fortwährend wirken müssen. Denn in allem, was das Kind anschauen muss, was es wahrnehmen muss, müssen wir auch den Willen und das Fühlen pflegen, sonst widersprechen wir ja eigentlich dem kindlichen Empfinden. Wir können erst zum Greis, erst am Lebensabend des Menschen so zu ihm sprechen, dass wir auch die Empfindungen auffassen als schon metamorphosiert. Beim Greis ist es so, dass auch schon die Empfindung übergegangen ist vom fühlenden Wollen zum fühlenden Denken oder denkenden Fühlen. Bei ihm ist die Empfindung etwas anderes geworden. Da haben die Empfindungen mehr Gedankencharakter und entbehren des unruhigen Willencharakters, tragen größere Ruhe in sich. Beim Greis können wir erst sagen, die Empfindungen haben sich dem Begriff, dem Ideencharakter angenähert.
 

Raum
 

Und weiter: Was da in der Umgebung des Leibes oder, besser gesagt, an der Oberfläche des Leibes stattfindet, das findet in ähnlicher Weise auch im Kopf statt, und am stärksten findet es statt, je weiter wir in das Innere des Menschen hineinkommen, in das Muskelhafte, das Bluthafte. Da drinnen schläft der Mensch wiederum und träumt dabei. Daher bleibt in unserem Inneren dasjenige, was mehr seelisch-wollendes Fühlen, fühlendes Wollen ist, unser Wunschleben usw. wiederum in einem träumenden Schlaf. Wo sind wir denn also nur voll wachend? In der Zwischenzone, wenn wir ganz wach sind. Sie sehen, wir gehen jetzt vom geistigen Gesichtspunkt aus, indem wir die Tatsachen des Wachens und des Schlafens auch räumlich auf den Menschen anwenden und dies auf seine Gestaltung beziehen, so dass wir sagen können: Der Mensch ist vom geistigen Gesichtspunkt angesehen so, dass er an seiner Oberfläche und in seinen Innenorganen schläft und nur in der Zwischenzone im Leben zwischen Geburt und Tod jetzt wirklich ganz wach sein kann. Was für Organe sind denn in dieser Zwischenzone am meisten ausgebildet? Diejenigen Organe, besonders im Kopf, die wir die Nerven nennen, der Nervenapparat. Dieser Nervenapparat sendet seine Ausläufer in die äußere Oberflächenzone hinein und wieder in das Innere. Da verlaufen die Nerven, und zwischendrinnen sind solche Mittelzonen wie das Gehirn, das Rückenmark und auch das Bauchmark. Da ist uns Gelegenheit gegeben, wach zu sein. Wo die Nerven am meisten ausgebildet sind, da sind wir am meisten wach.

Aber das Nervensystem hat zum Geist eine eigentümliche Beziehung. Es ist ein Organsystem, das durch die Funktionen des Leibes fortwährend die Tendenz hat zu verwesen, mineralisch zu werden. Im Nervensystem geht fortwährend das Sterben des Menschen vor sich. Das Nervensystem ist das einzige System, welches gar keine unmittelbare Beziehung zum Geistig-Seelischen hat. Blut, Muskeln usw. haben immer direkte Beziehungen zum Geistig-Seelischen, das nervöse System nur dadurch, dass es sich fortwährend aus der menschlichen Organisation ausschaltet, dass es nicht da ist, weil es fortwährend verwest. Die anderen Glieder leben, das Nervensystem stirbt fortwährend ab. Es ist das vermittelnde Organ nur dadurch, dass es sich fortwährend aus dem Leben herausdrückt, dass es dem Denken und Empfinden gar keine Hindernisse bietet, dass es den Menschen leer sein lässt in Bezug auf das Geistig-Seelische da, wo es ist. Für das Geistig-Seelische sind einfach dort, wo die Nerven sind, Hohlräume. Die Nerven, insbesondere das Gehirn sind nicht die Organe des Denkens. Wahr ist, dass Gehirn- und Nervensystem gerade nur dadurch mit dem denkenden Erkennen etwas zu tun haben, weil sie sich immerfort aus der Organisation des Menschen ausschließen und weil dadurch das denkende Erkennen sich entfalten kann.

In der Umgebung des Menschen, wo die Sinnessphäre ist, geschehen reale Vorgänge. Sie stehen beispielsweise einer beleuchteten Fläche gegenüber, und Lichtstrahlen fallen von dieser beleuchteten Fläche aus in Ihr Auge. Dort entstehen physisch-chemische Vorgänge, die sich fortsetzen in die Muskel-Blutnatur im Inneren des Menschen. Dazwischen bleibt eine leere Zone. In dieser leeren Zone, die durch das nervöse Organ leer gelassen ist, entwickeln sich keine solchen Vorgänge wie im Auge oder im Inneren des Menschen, die selbstständige Vorgänge sind, sondern da hinein setzt sich fort, was draußen ist: die Natur des Lichtes, die Natur der Farben selbst usw. Die Nerven machen den Raum frei; dort können wir leben mit dem, was draußen ist. Das Auge verändert Ihnen Licht und Farbe. Dort aber, wo Sie Nerven haben, wo Sie hohl sind in Bezug auf das Leben, da verändern sich Licht und Farbe nicht, da leben Sie Licht und Farbe mit. Sie sind nur in Bezug auf die Sinnessphäre abgesondert von einer äußeren Welt, aber innen leben Sie wie in einer Schale die Außenvorgänge mit. Da werden Sie selbst zum Licht, da werden Sie selbst zum Ton, da breiten sich die Vorgänge aus, weil die Nerven dafür kein Hindernis sind wie das Blut und der Muskel.
 

Zeit
 

Wir müssen aber, wenn wir den Menschen vom geistigen Gesichtspunkt betrachten, auch sein Zeitliches in Beziehung bringen zum Wachen, Schlafen und Träumen. Sie lernen etwas; das nehmen Sie auf so, dass es hereingeht in Ihr Vollwachen. Während Sie sich damit beschäftigen und wenn Sie daran denken, ist es in Ihrem Vollwachen. Dann nimmt Anderes Ihr Interesse, Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Was tut nun das, was Sie vordem gelernt haben und womit Sie sich beschäftigt haben? Es fängt an einzuschlafen, und wenn Sie sich wieder daran erinnern, dann wacht es wieder auf. Ersetzen Sie das bisher gewohnte Wortgeplänkel Erinnern und Vergessen durch die realen Begriffe. Was ist Erinnern? Es ist das Aufwachen eines Vorstellungskomplexes. Und was ist das Vergessen? Das Einschlafen des Vorstellungskomplexes. Da können Sie Reales mit real Erlebtem vergleichen, da haben Sie keine bloßen Worterklärungen. Wenn Sie immer reflektieren auf Wachen und Schlafen, so haben Sie einen realen Vorgang. Sie beziehen das Vergessen, diese innere Seelentätigkeit, auf diesen realen Vorgang - nicht auf irgendein Wort -, vergleichen die beiden und sagen sich: Vergessen ist nur ein Einschlafen auf einem anderen Gebiet, und auch Erinnern ist nur ein Aufwachen auf einem anderen Gebiet. Nur dadurch kommen Sie zum geistigen Weltbegreifen, dass Sie Reales mit Realem vergleichen. Wie Sie das kindliche Lebensalter mit dem Greisenalter vergleichen müssen, um Leib und Geist wirklich aufeinander beziehen zu können, wenigstens in den ersten Rudimenten, so vergleichen Sie Erinnern und Vergessen, indem Sie es auf ein Reales, auf Einschlafen und Aufwachen beziehen. Das ist es, was für die Zukunft der Menschheit so unendlich notwendig werden wird: dass die Menschen sich bequemen, in die Realität, in die Wirklichkeit sich hineinzubegeben. Die Menschen denken heute fast nur in Worten, sie denken nicht in Wirklichkeit.