Zurück Start Höher Weiter

Allgemeine Menschenkunde (18)

Die verschiedenen Bewusstseinszustände im wachen Menschen

Erst die Einsicht, dass man es im wachenden Menschen schon mit verschiedenen Bewusstseinszuständen zu tun hat - mit Wachen, Träumen und Schlafen -, erst diese Einsicht bringt uns zu einer wirklichen Erkenntnis unserer Aufgaben gegenüber dem werdenden Menschen. Wir können aber jetzt etwas fragen: Wie verhält sich das eigentliche Zentrum des Menschen, das Ich, zu diesen verschiedenen Zuständen? Setzen wir zunächst voraus: Was wir Welt, was wir Kosmos nennen, das ist eine Summe von Tätigkeiten. Für uns drücken sich diese Tätigkeiten auf den verschiedenen Gebieten des elementaren Lebens aus. Wir wissen, dass in diesem elementaren Leben Kräfte walten. Die Lebenskraft waltet zum Beispiel um uns herum. Und zwischen den elementaren Kräften und der Lebenskraft eingesponnen ist alles, was zum Beispiel die Wärme und das Feuer bewirkt. Wir leben also in einer Umgebung, die überall von Kräften durchzogen ist.

Nun gibt es auch höhere Kräfte als die Wärme. Die sind auch in unserer Umgebung. Durch sie gehen wir immer durch, indem wir als physische Menschen durch die Welt gehen. Ja, unser physischer Körper, ohne dass wir es im gewöhnlichen Erkennen wissen, ist so geartet, dass wir das vertragen. Mit unserem Ich, das die jüngste Bildung unserer Evolution ist, könnten wir nicht durch diese Weltenkräfte schreiten, wenn dieses Ich sich unmittelbar an diese Kräfte hingeben sollte. Dieses Ich könnte sich nicht an alles hingeben, was in seiner Umgebung ist. Dieses Ich muss jetzt noch davor bewahrt werden, sich in die Weltenkräfte ergießen zu müssen. Es wird sich einmal dazu entwickeln, in die Weltenkräfte hinein aufgehen zu können. Jetzt kann es das noch nicht. Deshalb ist es notwendig, dass wir für das völlig wache Ich nicht in die wirkliche Welt versetzt werden, sondern nur in das Bild der Welt. Daher haben wir in unserem denkenden Erkennen eben nur die Bilder der Welt, was wir vom seelischen Gesichtspunkt aus schon angeführt haben.
 

Das Ich im Erkennen wach

Jetzt betrachten wir es auch vom geistigen Gesichtspunkt aus. Im denkenden Erkennen leben wir in Bildern. Und wir Menschen auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe innerhalb von Geburt und Tod können mit unserem vollwachen Ich nur in Bildern von dem Kosmos leben, noch nicht in dem wirklichen Kosmos. Daher muss, wenn wir wachen, unser Leib uns zuerst die Bilder des Kosmos hervorbringen. Dann lebt unser Ich in den Bildern von diesem Kosmos. Wenn das Ich des Morgens in den Wachzustand übergeht, so dringt es in den Leib ein, aber nicht in die physischen Vorgänge des Leibes, sondern in die Bilderwelt, die bis in sein tiefstes Inneres der Leib von den äußeren Vorgängen erzeugt. Dadurch wird dem Ich das denkende Erkennen übermittelt.
 

Das Ich im Fühlen träumend

Beim Fühlen ist es anders. Da dringt das Ich schon in den wirklichen Leib ein, nicht bloß in die Bilder. Wenn es aber bei diesem Eindringen voll bewusst wäre, dann würde es buchstäblich seelisch verbrennen. Wenn Ihnen dasselbe passierte beim Fühlen, was Ihnen passiert beim Denken, indem Sie in die Bilder, die Ihnen Ihr Leib erzeugt, mit Ihrem Ich eindringen, dann würden Sie seelisch verbrennen. Sie würden es nicht aushalten. Sie können dieses Eindringen, welches das Fühlen bedeutet, nur träumend, im herabgedämpften Bewusstseinszustand erleben. Nur im Traum halten Sie das aus, was beim Fühlen in Ihrem Leib eigentlich vor sich geht.
 

Das Ich im Wollen schlafend

Und was beim Wollen sich abspielt, das können Sie überhaupt nur erleben, indem Sie schlafen. Das wäre etwas ganz Schreckliches, was Sie erleben würden, wenn Sie im gewöhnlichen Leben alles miterleben müssten, was mit Ihrem Wollen vor sich geht. Der entsetzlichste Schmerz ergriffe Sie zum Beispiel, wenn Sie wirklich erleben müssten, wie sich die durch Nahrungsmittel dem Organismus zugeführten Kräfte beim Gehen verbrauchen in Ihren Beinen. Es ist schon Ihr Glück, dass Sie das nicht erleben bzw. nur schlafend erleben. Könnten wir den Wachzustand im Wollen erreichen, so würde der Schmerz, der sonst latent bleibt, betäubt wird durch den Schlafzustand im Wollen, ins Bewusstsein treten.
 

bildhaftes Erkennen - inspiriertes Fühlen - intuitives Wollen

Dieses Ich lebt also im denkenden Erkennen, indem es aufwacht in den Leib. Da ist es voll wach. Es lebt darin aber nur in Bildern, so dass der Mensch in seinem Leben zwischen Geburt und Tod fortwährend nur in Bildern durch sein denkendes Erkennen lebt, wenn er nicht solche Übungen macht, wie sie in meinem Buch "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" angedeutet sind.
Dann senkt sich erwachend das Ich auch in die Vorgänge ein, die das Fühlen bedingen. Fühlend leben: da sind wir nicht voll wach, sondern da sind wir träumend wach. Wie erleben wir eigentlich das, was wir da im träumenden Wachzustand fühlend durchmachen? Das erleben wir tatsächlich in dem, was man immer genannt hat Inspirationen, inspirierte Vorstellungen, unbewusste inspirierte Vorstellungen. Da ist der Herd von alldem, was aus den Gefühlen beim Künstler hinaufsteigt in das wache Bewusstsein. Dort wird es zuerst durchgemacht. Dort wird auch alles das durchgemacht, was beim wachen Menschen oftmals als Einfälle ins Wachbewusstsein hinaufsteigt und dann zu Bildern wird. Was Inspirationen genannt wird, das ist nur das zur Helligkeit, zum Vollbewusstsein heraufgehobene Erleben desjenigen, was bei jedem Menschen unten im Gefühlsleben unbewusst an Inspirationen vorhanden ist. Und wenn besonders veranlagte Leute von ihren Inspirationen sprechen, so sprechen sie eigentlich von dem, was die Welt in ihr Gefühlsleben hineingelegt hat und durch ihre Anlagen heraufkommen lässt in ihr volles Wachbewusstsein. Es ist das ebenso Weltinhalt, wie der Gedankeninhalt Weltinhalt ist. Aber in dem Leben zwischen Geburt und Tod spiegeln diese unbewussten Inspirationen solche Weltenvorgänge, die wir nur träumend erleben können, sonst würde unser Ich in diesen Vorgängen sich verbrennen oder es würde ersticken.
Und gar die Vorgänge, die sich beim Wollen abspielen. Furchtbarer Schmerz wäre das! Das Ich im wollenden Tun ist ja schlafend. Da wird das erlebt, was mit stark herabgedämpften Bewusstsein, eben im schlafenden Bewusstsein, erlebt wird, in unbewussten Intuitionen. Unbewusste Intuitionen hat der Mensch fortwährend, aber sie leben in seinem Wollen. Er schläft in seinem Wollen. Daher kann er sie auch nicht im gewöhnlichen Leben heraufholen. Sie kommen nur in Glückszuständen des Lebens herauf. Dann erlebt der Mensch ganz dumpf die geistige Welt mit.
 

Erkennen steigt ab in die Inspirationen und herauf aus den Intuitionen

Nun ist etwas Eigentümliches beim gewöhnlichen Leben des Menschen vorhanden. Manchmal fangen Menschen an, wenn sie über die Welt etwas nachdenken, zu sagen: Wir haben Intuitionen. Unbestimmt Gefühltes bringen die Menschen dann aus diesen Intuitionen heraus vor. Was sie da sagen, kann manchmal etwas sehr Verworrenes sein, aber es kann auch unbewusst geregelt sein. Und wenn der Dichter von seinen Intuitionen spricht, so ist das durchaus richtig, dass er sie zunächst nicht herausholt aus dem Herd, wo sie ihm am nächsten liegen, aus den inspirierten Vorstellungen des Gefühlslebens, sondern er holt hervor seine ganz unbewussten Intuitionen aus der Region des schlafenden Wollens.
Wenn Sie sich ein Schema machen wollen von dem Leben des Ich im Leib, und Sie machen es sich in folgender Weise: I. wachend - bildhaftes Erkennen, II. träumend - inspiriertes Fühlen, III. schlafend - intuitiertes Wollen, dann werden Sie sich nicht recht begreiflich machen können, warum das Intuitive, von dem die Menschen instinktiv sprechen, leichter heraufkomme ins bildhafte Erkennen des Alltags als das näher liegende inspirierte Fühlen. Wenn Sie sich das Schema jetzt im Kreis angeordnet vorstellen, dann werden Sie die Sache leichter begreifen. Denn dann werden Sie sich sagen: Das bildhafte Erkennen steigt hinunter in die Inspirationen, und es kommt wieder herauf aus den Intuitionen. Und jetzt betrachten Sie sich: Sie sind zunächst ganz ruhig, sitzend oder stehend, geben sich nur dem denkenden Erkennen hin, der Betrachtung der Außenwelt. Da leben Sie im Bild. Was sonst das Ich erlebt an den Vorgängen, steigt hinunter in den Leib, erst ins Fühlen, dann ins Wollen. Was im Fühlen ist, beachten Sie nicht, was im Wollen ist, beachten Sie anfangs auch nicht. Nur wenn Sie anfangen zu gehen, wenn Sie anfangen zu handeln, dann betrachten Sie äußerlich nicht zuerst das Fühlen, sondern das Wollen. Beim Wiederheraufsteigen aus dem Leib, da hat das intuitive Wollen es näher, zum bildhaften Bewusstsein zu kommen, als das träumende inspirierte Fühlen.
 

Der Kopf, Organ des denkenden Erkennens, ruht auf seinem Leib

Jetzt werden Sie etwas begreifen von der Gestalt des menschlichen Leibes. Denken Sie sich jetzt einmal einen Augenblick gehend, aber die Welt betrachtend. Denken Sie sich: Nicht Ihr Unterleib müsste mit den Beinen gehen, sondern Ihr Kopf würde direkt die Beine haben und müsste gehen. Da würde in eins verwoben sein Ihr Weltbetrachten und Ihr Wollen, und die Folge wäre, dass Sie nur schlafend gehen könnten. Indem Ihr Kopf aufgesetzt ist auf die Schultern und auf den übrigen Leib, ruht er auf dem übrigen Leib. Er ruht, und Sie tragen Ihren Kopf, indem Sie sich nur mit dem anderen Leib bewegen. Der Kopf muss auf dem Leib ruhen können, sonst könnte er nicht das Organ des denkenden Erkennens sein. Er muss dem schlafenden Wollen entzogen werden, denn in dem Augenblick, wo Sie ihn in die Bewegung überführen, wo Sie ihn aus der relativen Ruhe in eine selbstgemachte Bewegung überführen würden, da würde er zum Schlafen kommen. Das eigentliche Wollen lässt er den Leib vollziehen, Nur dadurch, dass sich der Kopf wie in einer Kutsche von dem Wagen des Leibes weiterbefördern lässt und während dieses Weiterbeförderns, während dieses Ruhens handelt, ist der Mensch wachend handelnd. Nur wenn Sie die Dinge so zusammenhalten, kommen Sie auch zu einem wirklichen Begreifen der Gestalt des menschlichen Leibes.