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Allgemeine Menschenkunde (17)

Die Betrachtung des Menschen vom geistigen Standpunkt aus

Nach der Betrachtung des Menschen vom seelischen Standpunkt aus, wollen wir jetzt eine Betrachtung des Menschen vom geistigen Gesichtspunkt aus hinzufügen und werden dann erst auf die eigentliche, so genannte Anthropologie, auf die Betrachtung des Menschenwesens, wie es sich in der äußeren physischen Welt zeigt, näher eingehen. Denn wir wissen aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen heraus, dass das Leibliche nur gefasst werden kann, wenn es als eine Offenbarung des Geistigen und auch des Seelischen aufgefasst wird. Wir wollen jetzt einmal vom geistigen Gesichtspunkt aus Wollen, Fühlen und Erkennen ins Auge fassen.
 

Erkennen

Indem Sie denkend erkennen, müssen Sie empfinden. Sie erkennen und fühlen sich ganz mit Ihrem Ich in dieser Tätigkeit des Erkennens. Sie sind ganz im Hellen. Sie leben in einer vollbewussten Tätigkeit. Das ist das Wesentliche beim denkenden Erkennen, dass Sie in dem ganzen Vorgang der Tätigkeit beim denkenden Erkennen mit Ihrem vollen Bewusstsein dabei sind.
 

Wollen

Nicht so ist es beim Wollen. Sie wissen ganz gut, wenn Sie das einfachste Wollen, das Gehen, entwickeln, so leben Sie eigentlich vollbewusst nur in der Vorstellung von diesem Gehen. Was innerhalb Ihrer Muskeln sich vollzieht, während Sie ein Bein nach dem anderen vorwärts bewegen, was da im Mechanismus und Organismus Ihres Leibes vorgeht, von dem wissen Sie nichts. Denken Sie nur, was Sie alles zu lernen haben würden von der Welt, wenn Sie alle die Vorrichtungen bewusst vollziehen müssten, welche beim Wollen des Gehens notwendig sind! Sie wissen ganz gut: Das alles geschieht in Ihrer Körperlichkeit sehr, sehr unbewusst. Indem wir wollen, mischt sich fortwährend in unsere Tätigkeit ein tiefes Unbewusstes hinein.
 

Fühlen

Und das Fühlen steht zwischen Wollen und denkendem Erkennen. Beim Fühlen ist es so, dass es zum Teil von Bewusstsein durchzogen wird, zum Teil von einem Unbewussten. Das Fühlen nimmt auch in dieser Weise teil an der Eigenschaft eines erkennenden Denkens, auf der anderen Seite an der Eigenschaft eines fühlenden oder gefühlten Wollens.
 

Wachzustand

Was liegt denn da eigentlich vom geistigen Gesichtspunkt aus vor? Wir reden in unserem gewöhnlichen Leben vom Wachen, von dem wachen Bewusstseinszustand. Aber wir haben diesen wachen Bewusstseinszustand nur in der Tätigkeit des erkennenden Denkens.
 

Schlafzustand

Wie steht es nun mit dem Wollen? Sie kennen alle den Bewusstseinszustand - nennen Sie es meinetwegen auch Bewusstseinslosigkeitszustand - des Schlafes. Sie wissen, während wir schlafen, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, ist das, was wir erleben, nicht in unserem Bewusstsein drinnen. Geradeso ist es aber auch mit alldem, was als Unbewusstes unser Wollen durchzieht. Insofern wir wollende Wesen sind als Menschen, schlafen wir, auch wenn wir wachen. Wir tragen immer mit uns einen schlafenden Menschen, nämlich den wollenden Menschen, und begleiten ihn mit dem wachenden, mit dem denkend erkennenden Menschen. Wir sind, insofern wir wollende Wesen sind, auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen schlafend. Man erkennt den Menschen nicht vollständig, wenn man nicht weiß, dass das Schlafen in sein Wachen hereinspielt, indem der Mensch ein Wollender ist.
 

Traumzustand

Das Fühlen steht in der Mitte, und wir dürfen uns jetzt fragen: Wie ist das Bewusstsein im Fühlen? Das steht nun auch in der Mitte zwischen Wachen und Schlafen. Gefühle, die in Ihrer Seele leben, kennen Sie gerade so, wie Sie Träume kennen, nur dass Sie die Träume erinnern und die Gefühle unmittelbar erleben. Aber die innere Seelenverfassung und Seelenstimmung, die Sie haben, indem Sie von Ihren Gefühlen wissen, ist keine andere als die, welche Sie gegenüber Ihren Träumen haben. Sie sind im Wachen nicht nur eine wachender Mensch, indem Sie denkend erkennen, und ein schlafender, insofern Sie wollen, Sie sind auch ein träumender, insofern Sie fühlen.

So sind also tatsächlich drei Bewusstseinszustände während unseres Wachens über uns ergossen: das Wachen im eigentlichen Sinn im denkenden Erkennen, das Träumen im Fühlen, das Schlafen im Wollen. Der gewöhnliche traumlose Schlaf ist vom geistigen Gesichtspunkt aus gesehen nichts anderes als die Hingabe des Menschen mit seiner ganzen Seelenwesenheit an das, woran er hingegeben ist mit seinem Wollen, während er seinen Tageslauf vollbringt. Es ist nur der Unterschied, dass wir im eigentlichen Schlafen mit unserem ganzen Seelenwesen schlafen, dass wir im Wachen nur schlafen mit unserem Wollen. Beim Träumen, was man im gewöhnlichen Leben so nennt, ist es so, dass wir mit unserem ganzen Menschen an den Seelenzustand hingegeben sind, den wir Traum nennen, und dass wir im Wachen nur als fühlender Mensch an diesen träumerischen Seelenzustand hingegeben sind.

Pädagogisch betrachtet werden Sie sich jetzt nicht mehr verwundern, dass die Kinder verschieden sind mit Bezug auf die Wachheit ihres Bewusstseins.
 

Träumerische Kinder brauchen starke Gefühlsanstöße

Sie werden finden, dass Kinder, bei denen das Gefühlsleben der Anlage gemäß überwiegt, träumerische Kinder sind, so dass solche Kinder, bei denen in der Kindheit das volle Denken noch nicht aufgewacht ist, leicht an ein träumerisches Wesen hingegeben sein werden. Das werden Sie dann zum Anlass nehmen, um durch starke Gefühle auf ein solches Kind zu wirken. Und Sie werden dann die Hoffnung haben können, dass diese starken Gefühle bei ihm auch das helle Erkennen erwecken werden, denn alles Schlafen hat dem Lebensrhythmus gemäß die Tendenz, nach einiger Zeit aufzuwachen. Wenn wir nun ein solches Kind, das träumerisch im Gefühlsleben dahinbrütet, mit starken Gefühlen angehen, dann werden diese in das Kind versetzten starken Gefühle nach einiger Zeit von selbst als Gedanken aufwachen.
 

Schlafende Kinder brauchen starke Willensanstöße

Kinder, die noch mehr brüten, die sogar stumpf sind gegenüber dem Gefühlsleben, die werden Ihnen offenbaren, dass sie besonders im Willen stark veranlagt sind. Wenn Sie dies bedenken, können Sie erkennend vor manchem Rätsel im kindlichen Leben stehen. Sie können ein Kind in die Schule hereinbekommen, das sich ausnimmt wie ein echter Stumpfling. Wenn Sie da gleich das Urteil fällen: Das ist ein schwachsinniges, ein stumpfsinniges Kind. Wenn Sie es mit experimenteller Psychologie untersuchen würden, schöne Gedächtnisprüfungen vornähmen, und dann sagen würden: Stumpfes Kind seiner ganzen Anlage nach, gehört in die Schwachsinnigen-Schule, so würden Sie mit solchem Urteil nicht dem Wesen des Kindes nahe kommen. Vielleicht aber ist dieses Kind besonders stark im Willen veranlagt, vielleicht ist es eines jener Kinder, die im späteren Leben aus ihrer Cholerik zu tatkräftigem Handeln übergehen. Aber der Wille schläft zunächst. Und wenn das denkende Erkennen bei diesem Kind verurteilt ist, erst später hervorzutreten, dann muss es auch in entsprechender Weise behandelt werden, damit es dann später berufen sein kann, etwas Tatkräftiges zu vollbringen. Vorerst erscheint es als ein rechter Stumpfling., der ist es aber vielleicht gar nicht. Man muss dann den Blick dafür haben, bei einem solchen Kind den Willen zu erwecken. Ein solches Kind muss so behandelt werden, dass Sie möglichst wenig auf sein Erkenntnisvermögen, auf sein Begreifen bauen, sondern ihm einige recht stark auf den Willen wirkende Sachen gewissermaßen einhämmern. Dass Sie es, indem es spricht, zu gleicher Zeit gehen lassen. Sie nehmen ein solches Kind aus der Klasse heraus und - für die anderen Kinder wird es anregend sein, für dieses Kind ist es bildend - lassen es, indem es Sätze spricht, die Worte mit Bewegungen begleiten. Also: Der (Schritt) - Mensch (Schritt) - ist (Schritt) - gut! Auf diese Weise verbinden Sie den ganzen Menschen im Willenselement mit dem bloß Intellektuellen im Erkennen, und Sie können es nach und nach dahin bringen, dass bei einem solchen Kind der Wille zum Gedanken erwacht.