Zurück Start Höher Weiter

Allgemeine Menschenkunde (16)

Zwischen Erkenntnis- und Willenstätigkeit - die menschliche Gefühlstätigkeit

Nun steht zwischen Denken und Wollen mitten drinnen die menschliche Gefühlstätigkeit. Von einer gewissen mittleren Grenze strömt auf der einen Seite alles das aus, was Sympathie ist: Wollen. Auf der anderen Seite strömt alles aus, was Antipathie ist: Denken. Aber die Sympathie des Wollens wirkt auch zurück in das Denken hinein, und die Antipathie des Denkens wirkt auch in das Wollen hinein. Und so wird der Mensch ein Ganzes, indem das, was sich auf der einen Seite hauptsächlich entwickelt, auch in die andere Seite hineinwirkt. Zwischen Denken und Wollen liegt nun das Fühlen, so dass das Fühlen nach der einen Richtung hin verwandt ist mit dem Denken, nach der anderen Richtung hin mit dem Wollen. Wie Sie schon in der ganzen menschlichen Seele nicht streng auseinander halten können erkennende oder denkerische Tätigkeit und Willenstätigkeit, so können Sie noch weniger auseinander halten im Fühlen das denkerische Element von dem Willenselement. Im Fühlen fließen ganz stark ineinander Willenselemente und Denkelemente.
 

Gefühlstätigkeit fließt ein in Willens- und Sinnestätigkeit

Das Wollen, das im gewöhnlichen Leben objektiv verläuft, steigert sich bis zur Tätigkeit aus Enthusiasmus, aus Liebe heraus. Da sehen Sie ganz deutlich ein sonst von der Notwendigkeit des äußeren Lebens hervorgebrachtes Wollen durchströmt vom Fühlen. Wenn Sie etwas Enthusiastisches oder Liebevolles tun, so tun Sie das, was aus dem Willen fließt, indem Sie es  von einem subjektiven Gefühl durchdrungen sein lassen. Aber auch bei der Sinnestätigkeit können Sie sehen (durch die Goethesche Farbenlehre), wie sich in die Sinnestätigkeit das Fühlen hineinmischt. Und wenn sich die Sinnestätigkeit bis zum Ekel steigert oder auf der anderen Seite bis zum Einsaugen des angenehmen Blumenduftes, so haben Sie auch dabei die Gefühlstätigkeit in die Sinnestätigkeit ohne weiteres überfließend.
 

Gefühlstätigkeit fließt ein in Denktätigkeit

Aber auch in die Denktätigkeit fließt die Gefühlstätigkeit hinein. Wenn der Mensch urteilt, so muss er über etwas ganz Objektives entscheiden. Dass zum Beispiel der Mensch gut sein muss, darf nicht von unserem subjektiven Gefühl abhängen. Also der Inhalt des Urteils muss objektiv sein. Aber wenn wir urteilen, kommt noch etwas ganz anderes in Betracht. Die Dinge, die objektiv richtig sind, sind ja deshalb noch nicht bewusst in unserer Seele. Wir müssen sie erst bewusst in unsere Seele hereinbekommen. Und bewusst bekommen wir kein Urteil in unsere Seele hinein, ohne dass die Gefühlstätigkeit mitwirkt. Der objektive Inhalt des Urteils steht außerhalb der Gefühlstätigkeit fest. Damit aber in der subjektiven Menschenseele die Überzeugung von der Richtigkeit des Urteils zustande kommt, muss die Gefühlstätigkeit sich entwickeln.
 

Gefühl ist zurückgehaltene Erkenntnis und zurückgehaltener Wille

Das Gefühl steht als mittlere Seelenbetätigung zwischen Erkennen und Wollen und strahlt seine Wesenheit nach den beiden Richtungen aus. Gefühl ist sowohl noch nicht ganz gewordene Erkenntnis, wie noch nicht ganz gewordener Wille, zurückgehaltene Erkenntnis und zurückgehaltener Wille. Daher ist auch das Fühlen zusammengesetzt aus Sympathie und Antipathie, die sich nur verstecken sowohl im Erkennen wie im Wollen. Beide, Sympathie und Antipathie, sind im Erkennen und Wollen vorhanden, indem leiblich Nerventätigkeit und Bluttätigkeit zusammenwirken, aber sie verstecken sich. Im Fühlen werden sie offenbar.
 

Auge: sehr geringes gefühlsmäßiges Empfinden

Wie schauen denn daher die leiblichen Offenbarungen des Fühlens aus? Sie werden ja im menschlichen Leib überall finden, wie die Blutbahnen mit den Nervenbahnen in irgendeiner Weise sich berühren. Und überall dort, wo Blutbahnen mit Nervenbahnen sich berühren, entsteht eigentlich Gefühl. Nur ist, in den Sinnen zum Beispiel, sowohl der Nerv wie das Blut so verfeinert, dass wir nicht mehr das Gefühl spüren. Von einem leisen Gefühl ist all unser Sehen und Hören durchzogen, aber wir spüren es nicht. Wir spüren es um so weniger, als das Sinnesorgan abgegrenzt, abgetrennt ist von dem übrigen Leib. Beim Sehen, bei der Augentätigkeit, spüren wir das gefühlsmäßige Sympathisieren und Antipathisieren fast gar nicht, weil das Auge, in der Knochenrundung eingebettet, fast ganz vom übrigen Organismus abgesondert ist. Und sehr verfeinert sind die Nerven, die sich ins Auge hineinerstrecken und auch die Blutbahnen, die sich ins Auge hineinerstrecken. Es ist das gefühlsmäßige Empfinden im Auge sehr unterdrückt.
 

Ohr: starkes gefühlsmäßiges Empfinden

Weniger unterdrückt ist das Gefühlsmäßige beim Sinn des Hörens. Das Hören steht viel mehr als das Schauen mit der Gesamttätigkeit des Organismus in einem organischen Zusammenhang. Indem sich zahlreiche Organe im Ohr befinden, die ganz andersgeartet sind als die Organe des Auges, ist das Ohr in vieler Beziehung ein getreues Abbild desjenigen, was im ganzen Organismus vor sich geht. Daher wird das, was im Ohr als Sinnestätigkeit vor sich geht, sehr stark begleitet von Gefühlstätigkeit. Und hier wird es selbst Menschen, die sich gut auf das verstehen, was gehört wird, schwer, wirklich zur Klarheit zu kommen, was im Gehörten, besonders beim künstlerisch Gehörten, bloßes Erkennen und was Gefühlsmäßiges ist.
 

Menschenentwicklung beginnt als Gefühlswesen

Sie sehen daraus, dass bei dem einen Sinn mehr, bei dem anderen weniger von dem ganzen Menschen, der zunächst als Gefühlswesen lebt, in die Peripherie hineindringt, erkenntnismäßig. Daraus folgt, dass sich der Mensch in die Welt hineinlebt und nicht die ganze Wirklichkeit hat. Er entwickelt sich erst weiter, und im Weiterentwickeln wird ihm das, was vorher noch nicht Wirklichkeit ist, durch das Ineinandergehen von Denken und Anschauung erst zur wahren Wirklichkeit. Der Mensch erobert sich erst die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist nicht in der Umgebung, ist auch nicht in der Erscheinung, sondern es ist so, dass die Wirklichkeit erst nach und nach auftaucht durch unser Erobern dieser Wirklichkeit, so dass das Letzte, was an uns herantritt, die Wirklichkeit erst ist. Im Grunde genommen wäre das die richtige Wirklichkeit, was der Mensch in dem Augenblick erschaut, wo er sich nicht mehr aussprechen kann, in jenem Augenblick nämlich, wo er durch die Pforte des Todes geht.