Zurück Start Höher Weiter

Allgemeine Menschenkunde (15)

Das Ineinanderfließen von Erkenntnis- und Willenstätigkeit

Sie werden bemerkt haben, dass ich bei den bisherigen Besprechungen der menschlichen Wesenheit hauptsächlich Rücksicht genommen habe auf die intellektuelle, auf die Erkenntnistätigkeit auf der einen Seite und auf die Willenstätigkeit auf der anderen Seite. Ich habe Ihnen auch gezeigt, wie die Erkenntnistätigkeit im Zusammenhang steht mit dem Nervenwesen des Menschen, wie die Willensstärke im Zusammenhang steht mit der Bluttätigkeit. Sie werden, wenn Sie über die Sache nachdenken, sich fragen: Wie steht es denn nun mit der dritten Seelenfähigkeit, mit der Gefühlstätigkeit? Die haben wir bisher noch wenig berücksichtigt. Aber gerade indem wir nun die Gefühlstätigkeit mehr ins Auge fassen, wird sich uns auch die Möglichkeit bieten, die anderen beiden Seiten der Menschennatur, die erkennende und die willensmäßige, intensiver zu durchdringen.
 

Die Verbindung von Erkenntnis- und Willensmäßigem im Seelischen

Wir müssen uns nur über eines noch klar werden. Man kann nicht die Seelenfähigkeiten so pedantisch nebeneinander stellen: Denken, Fühlen, Wollen - weil in der ganzen lebendigen Seele die eine Tätigkeit immer in die andere übergeht. Betrachten Sie einmal auf der einen Seite den Willen. Sie werden sich bewusst sein können, dass Sie nicht zu wollen imstande sind, was Sie nicht mit Vorstellung durchdringen, also mit erkenntnismäßiger Tätigkeit. Sie würden gar nicht Mensch sein, wenn Sie in dem Willensakt nicht Vorstellen drinnen hätten. Ebenso, wie in aller Willensbetätigung das Vorstellen steckt, so steckt in allem Denken der Wille. Indem Sie denken, lassen Sie immer in das Gedankenbilden den Willen hineinströmen. Wie Sie Gedanken selber formen, wie Sie einen Gedanken mit dem anderen verbinden, wie Sie zu Urteil und Schluss übergehen, das alles ist von einer feineren Willenstätigkeit durchströmt. Daher können wir eigentlich nur sagen: Die Willenstätigkeit ist hauptsächlich Willenstätigkeit und hat in sich die Unterströmung der Denktätigkeit. Die Denktätigkeit ist hauptsächlich Denktätigkeit und hat in ihrer Unterströmung Willenstätigkeit.
 

Die Verbindung von Erkenntnis- und Willensmäßigem im Leiblichen

Was Sie für die Seele erkennen können: das Ineinanderfließen der Seelentätigkeiten, das sehen Sie auch ausgeprägt in dem Leib, in dem sich die Seelentätigkeit offenbart. Betrachten Sie zum Beispiel das menschliche Auge. Wenn wir es in seiner Ganzheit betrachten, setzen sich in das Auge hinein die Nerven fort; aber es setzen sich in das Auge auch die Blutbahnen fort. Dadurch, dass sich die Nerven in das menschliche Auge hinein fortsetzen, strömt die Gedanken-, die Erkenntnistätigkeit ins Auge ein; dadurch, dass sich die Blutbahnen ins Auge fortsetzen, strömt die Willensbetätigung in das Auge ein. So ist bis in die Peripherie der Sinnesbetätigungen auch im Leib Willensgemäßes und Vorstellungs- oder Erkenntnisgemäßes miteinander verbunden. Das ist für alle Sinne so, ist aber auch für alle Bewegungsglieder, die dem Wollen dienen, ebenso: in unser Wollen, in unsere Bewegungen geht durch die Nervenbahnen das Erkenntnisgemäße und durch die Blutbahnen das Willensgemäße.
 

Antipathie lebt im Vorstellen, Sympathie lebt im Willen

Wir haben schon gesagt: Im Erkennen, im Vorstellen lebt eigentlich Antipathie. So sonderbar es ist, alles, was nach dem Vorstellen hinneigt, ist durchdrungen von Antipathie. Sie werden sich sagen: Ja, wenn ich etwas anschaue, so übe ich in diesem Anschauen doch nicht Antipathie aus! - Doch, Sie üben sie aus! Sie üben Antipathie aus, indem Sie einen Gegenstand ansehen. Würde in Ihrem Auge nur Nerventätigkeit sein, so würde Ihnen jeder Gegenstand, den Sie mit Ihren Augen ansehen, zum Ekel sein, er wäre Ihnen antipathisch. Nur dadurch, dass sich in die Augentätigkeit hinein auch die Willenstätigkeit ergießt, die in Sympathie besteht, dadurch dass sich leiblich das Blutmäßige in Ihr Auge hineinerstreckt, nur dadurch wird für Ihr Bewusstsein die Empfindung der Antipathie im sinnlichen Anschauen ausgelöscht, und es wird durch einen Ausgleich zwischen Sympathie und Antipathie der objektive, gleichgültige Akt des Sehens hervorgerufen. Er wird da hervorgerufen, indem Sympathie und Antipathie sich ins Gleichgewicht stellen und uns dieses Ineinanderspielen von Sympathie und Antipathie gar nicht bewusst wird.
 

Persönlichkeitsbewusstsein: unbewusste Antipathie zur Umwelt

Es gibt einen bedeutungsvollen Unterschied zwischen den Tieren und den Menschen bezüglich der Einrichtung des Auges. Es ist sehr eigentümlich, dass das Tier viel mehr von Bluttätigkeit im Auge hat - wie auch in den übrigen Sinnen - als der Mensch. Das heißt, das Tier entwickelt in seinen Sinnen viel mehr Sympathie, instinktive Sympathie mit der Umwelt als der Mensch. Der Mensch hat in Wirklichkeit mehr Antipathie zu der Umwelt als das Tier, aber sie kommt im gewöhnlichen Leben nicht zum Bewusstsein. Sie kommt nur zum Bewusstsein, wenn sich das Anschauen der Umwelt steigert bis zu dem Eindruck, auf den wir mit dem Ekel reagieren. Das ist nur ein gesteigerter Eindruck alles sinnlichen Wahrnehmens. Wenn wir Menschen aber nicht mehr Antipathie hätten zu unserer Umgebung als das Tier, so würden wir uns von dieser nicht so stark absondern. Das Tier hat viel mehr Sympathie mit der Umgebung, ist daher viel mehr mit der Umgebung zusammengewachsen, und es ist deshalb auch viel abhängiger vom Klima und den Jahreszeiten als der Mensch. Weil der Mensch viel mehr Antipathie hat gegen die Umgebung, deshalb ist er eine Persönlichkeit. Der Umstand, dass wir uns durch unsere unter der Schwelle des Bewusstseins liegende Antipathie absondern können von der Umgebung, diese Tatsache bewirkt unser gesondertes Persönlichkeitsbewusstsein.
 

Objektivität: Ausgleich von Sympathie und Antipathie

So aber fließen auch zusammen in der Willensbetätigung vorstellende und eigentliche Willenstätigkeit. Wir entwickeln immer, wenn wir irgend etwas wollen, Sympathie mit dem Gewollten. Aber es würde ein ganz instinktives Wollen bleiben, wenn wir uns nicht auch durch eine in die Sympathie des Wollens hineingeschickte Antipathie absondern könnten als Persönlichkeit von der Tat, von dem Gewollten. Dadurch bleibt aber die Sympathie als solche unter der Schwelle des Bewusstseins liegend, es dringt nur etwas von dieser Sympathie ein in das Gewollte. In den ja nicht sehr zahlreichen Handlungen, die wir nicht bloß aus Vernunft vollbringen, sondern die wir in wirklicher Begeisterung, in Hingabe, in Liebe ausführen, da überwiegt die Sympathie so stark im Wollen, dass sie auch hinaufdringt über die Schwelle unseres Bewusstseins und unser Wollen selber uns durchtränkt erscheint von Sympathie, während es uns sonst als ein Objektives verbindet mit der Umwelt. Geradeso wie uns nur ausnahmsweise, nicht immer, unsere Antipathie mit der Umwelt ins Bewusstsein kommen darf im Erkennen, so darf uns unsere immer vorhandene Sympathie mit der Umwelt nur in Ausnahmefällen, in Fällen der Begeisterung, der hingebenden Liebe, zum Bewusstsein kommen. Sonst würden wir alles instinktiv ausführen. Wir würden uns niemals in das, was objektiv, zum Beispiel im sozialen Leben, die Welt von uns fordert, eingliedern können. Wir müssen gerade das Wollen denkend durchdringen, damit dieses Wollen uns eingliedert in die Gesamtmenschheit und in den Weltenprozess als solchen.
 

Moral: Antipathie zu seinen Instinkten

Wir handeln ja, indem wir zuerst Kinder werden, mehr oder weniger aus bloßer Sympathie. So sonderbar es klingt: aber alles, was das Kind tut und tobt, ist aus Sympathie zu dem Tun und Toben vollbracht. Wenn die Sympathie geboren wird in der Welt, so ist sie starke Liebe, starkes Wollen. Aber sie kann nicht so bleiben, sie muss durchdrungen werden vom Vorstellen, sie muss gewissermaßen fortwährend erhellt werden vom Vorstellen. Das geschieht in umfassender Weise, indem wir in unsere bloßen Instinkte die Ideale, die moralischen Ideale eingliedern. Und jetzt werden Sie besser begreifen können, was eigentlich auf diesem Gebiet die Antipathie bedeutet. Blieben uns die Instinktimpulse, die wir in dem kleinen Kind bemerken, durch das ganze Leben nur sympathisch, wie sie dem Kinde sympathisch sind, so würden wir uns unter dem Einfluss unserer Instinkte animalisch entwickeln. Diese Instinkte müssen uns antipathisch werden, wir müssen Antipathie in sie hineingießen. Das tun wir durch unsere moralischen Ideale, denen die Instinkte antipathisch sind. Daher ist moralische Entwicklung immer etwas Asketisches. Es muss nur dieses Asketische im richtigen Sinne gefasst werden. Es ist immer ein Üben in der Bekämpfung des Animalischen.