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Allgemeine Menschenkunde (14)

Gefühls- und Willensbildung in der Erziehung

Man muss sich bewusst sein, dass das Kind noch etwas ganz anderes an Seelenkräften und auch an Körperkräften zu entwickeln hat, als die Erwachsenen im Miteinander zu entwickeln haben. Also auf das, was tief unten in der Seele sitzt, muss die Erziehung und der Unterricht eingehen können, sonst kommt man nicht weiter. Daher wird man sich fragen müssen: Was vom Unterricht und von der Erziehung wirkt auf die Willensnatur des Menschen?
 

Kultivierung von Gefühl und Willen durch Wiederholung

Alles Intellektuelle ist schon greisenhafter Wille, ist schon der Wille im Alter. Also alle gewöhnliche Unterweisung im verstandesmäßigen Sinn, alle gewöhnliche Ermahnung, alles, was für die Erziehung in Begriffe gefasst wird, wirkt in dem Alter, das für die Erziehung in Betracht kommt, noch gar nicht auf das Kind. Gefühl ist werdender, noch nicht gewordener Wille, aber im Willen lebt der ganze Mensch, so dass man auch bei dem Kind mit den unterbewussten Entschlüssen rechnen muss. Hüten wir uns nur vor dem Glauben, dass wir mit allem, was wir meinen gut ausgedacht zu haben, auf den Willen des Kindes einen Einfluss haben. Wir müssen uns daher fragen: Wie können wir einen guten Einfluss auf die Gefühlsnatur des Kindes nehmen? Das können wir nur durch das, was wir als das wiederholende Tun einrichten. Nicht dadurch, dass Sie dem Kind einmal sagen, was richtig ist, können Sie den Willensimpuls zur richtigen Auswirkung bringen, sondern indem Sie heute und morgen und übermorgen etwas von dem Kind tun lassen. Das Richtige liegt zunächst gar nicht darin, dass Sie darauf ausgehen, dem Kind Ermahnungen, Sittenregeln zu geben, sondern Sie lenken es auf etwas hin, von dem Sie glauben, dass es das Gefühl für das Richtige im Kind erwecken wird und lassen dies das Kind wiederholend tun. Sie müssen eine solche Handlung zur Gewohnheit erheben. Je mehr es bei der unbewussten Gewohnheit bleibt, um so besser ist es für die Entwicklung des Gefühls. Je mehr sich das Kind bewusst wird, die Tat aus Hingabe in der Wiederholung zu tun, weil sie getan werden soll, weil sie getan werden muss, desto mehr erheben Sie dies zum wirklichen Willensimpuls, denn dadurch wird die Entschlusskraft erhöht. Und die Entschlusskraft, die sonst nur im Unterbewussten bleibt, wird dadurch angespornt, dass Sie das Kind bewusst Dinge wiederholen lassen. Im intellektuellen Leben rechnen wir immer darauf: man bringt einem Kind etwas bei, und es ist um so besser, je besser es die Sache begriffen hat. Auf das einmalige Beibringen legt man großen Wert; dann soll die Sache nur behalten, gemerkt werden. Aber was so einmal beigebracht und dann behalten werden kann, das wirkt nicht auf Gefühl und Wille, sondern auf Gefühl und Wille wirkt das, was immer wieder getan wird und was als das durch die Verhältnisse Gebotene für richtig getan angesehen wird.
 

Willensstarke Menschen durch sich wiederholende Tätigkeit

Die früheren, mehr naiv patriarchalischen Erziehungsformen haben das auch naiv patriarchalisch angewendet. Es wurde einfach Lebensgewohnheit. In allen diesen Dingen, die so angewendet wurden, liegt durchaus auch etwas gut Pädagogisches. Warum lässt man zum Beispiel jeden Tag dasselbe Vaterunser beten? Wenn der heutige Mensch jeden Tag dieselbe Geschichte lesen sollte, so würde er es gar nicht tun, das würde ihm viel zu langweilig fallen. Der heutige Mensch ist eben auf die Einmaligkeit dressiert. Die Menschen früherer Art haben alle noch das kennen gelernt, dass sie nicht nur dasselbe Vaterunser täglich gebetet haben, sondern sie haben auch noch ein Buch mit Geschichten gehabt, die sie jede Woche mindestens einmal gelesen haben. Dadurch waren sie auch dem Willen nach stärkere Menschen als diejenigen, welche aus der heutigen Erziehung hervorgehen; denn auf bewusster Wiederholung beruht die Willenskultur. Innerlich stark werden die Menschen werden, wenn man zum Beispiel zu den Kindern sagt: Du tust heute dies, und du tust heute das, und ihr beide werdet morgen und übermorgen dasselbe tun. Da tun sie es auf Autorität hin, weil sie einsehen, dass einer in der Schule befehlen muss. Also: einem jeden eine Art Handlung für jeden Tag zuweisen, die sie dann jeden Tag, unter Umständen das ganze Schuljahr hindurch, vollbringen. Das ist etwas, was auf die Willensbildung sehr stark wirkt. Das schafft erstens einen Kontakt unter den Schülern, dann stärkt es die Autorität des Unterrichtenden und bringt die Menschen in eine sich wiederholende Tätigkeit hinein, die stark auf den Willen wirkt.
 

Die Bedeutung des künstlerischen Übens

Warum wirkt denn ganz besonders das künstlerische Element auf die Willensbildung? Weil das ja im Üben erstens auf Wiederholung beruht, zweitens aber auch, weil dasjenige, was sich der Mensch künstlerisch aneignet, ihm immer wieder Freude macht. Das Künstlerische genießt man immer wieder, nicht nur das erste Mal. Es hat schon in sich die Anlage, den Menschen nicht nur einmal anzuregen, sondern ihn unmittelbar immer wieder zu erfreuen. Und daher haben wir das, was wir im Unterricht wollen, in der Tat zusammenhängend mit dem künstlerischen Element.