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Allgemeine Menschenkunde (13)

Die Ausprägungen des Willens in den einzelnen Wesensgliedern

Instinkt - Physischer Leib

Sie wissen ja, dass der physische Leib, wie wir ihn an uns tragen, auch dem Tier eigen ist. Wir bekommen nur dann eine empfindungsgemäße und für die Auffassung des Willens brauchbare Vorstellung von der Beziehung des Menschen zu den Tieren, wenn wir den ganzen Menschen nach diesen neun Gliedern mit der Tierwelt vergleichen. So wie der Mensch in seiner Seele mit dem physischen Leib umkleidet ist, so ist auch das Tier mit einem physischen Leib umkleidet, aber der physische Leib des Tieres ist in vieler Beziehung anders gestaltet als der des Menschen. Der physische Leib des Menschen ist nicht eigentlich vollkommener als der des Tieres. Denken Sie an solche aus der Reihe der höheren Tiere wie an den Biber, wenn er seinen Biberbau formt. Das kann der Mensch nicht, wenn er es nicht lernt. Der Biber macht seinen Bau aus der Organisation seines Leibes heraus. Sein physischer Leib selbst ist in dieser Beziehung sein Lehrmeister. Wir können die Wespen, die Bienen, können auch die so genannten niederen Tiere beobachten und werden in der Form ihrer physischen Leiber finden, dass darin etwas verankert ist, was im physischen Leib des Menschen in dieser Ausdehnung, in dieser Stärke nicht vorhanden ist. Das ist alles das, was wir mit dem Begriff des Instinktes umfassen, so dass wir den Instinkt in Wirklichkeit nur studieren können, wenn wir ihn im Zusammenhang mit der Form des physischen Leibes betrachten. Wir müssen, wenn wir den Willen studieren wollen, ihn zuerst im Gebiet des Instinktes aufsuchen und müssen uns bewusst werden, dass wir den Instinkt in den Formen der physischen Leiber der verschiedenen Tiere auffinden. Was der Instinkt als Wille ist, das ist im Bild die Form des physischen Leibes der verschiedenen Tiere. Sie sehen, dadurch kommt Sinn in die Welt hinein, wenn wir diesen Gesichtspunkt anlegen können. Wir überschauen die Formen der physischen Tierleiber und sehen darin eine Zeichnung, welche die Natur selbst von den Instinkten schafft, durch die sie verwirklichen will, was im Dasein lebt.
 

Trieb - Lebensleib

Nun lebt in unserem physischen Leib, diesen ganz durchgestaltend, durchdringend, der Lebensleib (Ätherleib). Er ist für die äußeren Sinne übersinnlich, unsichtbar. Aber wenn wir auf die Willensnatur schauen, dann ist es so, dass ebenso, wie der Lebensleib den physischen Leib durchdringt, so ergreift er auch das, was sich im physischen Leib als Instinkt äußert. Dann wird der Instinkt zum Trieb. Es ist dann sehr interessant, zu verfolgen, wie in der Beobachtung der Instinkt, den man in der äußeren Form mehr konkret erfassen kann, sich verinnerlicht und sich auch mehr vereinheitlicht, indem man ihn als Trieb betrachtet. Von Instinkt wird man immer so sprechen, dass er, wenn er sich im Tier oder in seiner Abschwächung im Menschen vorfindet, dem Wesen von außen aufgedrängt ist. Beim Trieb ist schon daran zu denken, dass das, was sich in einer mehr verinnerlichten Form äußert, auch mehr von innen kommt, weil der übersinnliche Lebensleib sich des Instinktes bemächtigt und dadurch der Instinkt zum Trieb wird.
 

Begierde - Empfindungsleib

Nun hat der Mensch auch noch den Empfindungsleib (Astralleib). Der ist noch innerlicher. Er ergreift nun wieder den Trieb, und dann wird nicht nur eine Verinnerlichung erzeugt, sondern es wird Instinkt und Trieb auch schon ins Bewusstsein heraufgehoben, und so wird daraus dann die Begierde. Die Begierde finden Sie auch noch beim Tier, wie Sie den Trieb bei ihm finden, weil das Tier ja alle drei Glieder, physischen Leib, Lebensleib, Empfindungsleib, auch hat. Aber wenn Sie von der Begierde sprechen, so werden Sie schon, ganz instinktiv, die Begierde als etwas sehr Innerliches ansehen. Beim Trieb sprechen Sie so, dass er sich von der Geburt bis zum späten Alter einheitlich äußert. Bei der Begierde sprechen Sie von etwas, was von dem Seelischen erkraftet wird. Eine Begierde braucht nicht charakterologisch zu sein, sie braucht nicht dem Seelischen anzuhaften, sondern sie entsteht und vergeht. Dadurch zeigt sich die Begierde als mehr dem Seelischen eigentümlich als der bloße Trieb.
 

Motiv - Bewusstseinsseele, Verstandesseele, Empfindungsseele - Ich

Jetzt fragen wir uns: Wenn nun der Mensch - was also beim Tier nicht mehr auftreten kann - in sein Ich, das heißt in Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele dasjenige hereinnimmt, was als Instinkt, Trieb und Begierde in seinem Leiblichen lebt, was wird dann daraus gemacht? Da unterscheiden wir nicht so streng wie innerhalb des Leiblichen, weil die gegenwärtige Psychologie keine rechte Vorstellung davon hat, was man eigentlich mit der Gliederung der Seele machen soll. Das kommt davon her, weil im praktischen Leben in der Tat das Ich alle Seelenfähigkeiten durchsetzt und weil beim gegenwärtigen Menschen in Bezug auf die drei Glieder der Seele die Unterscheidung auch in der Praxis nicht deutlich hervortritt. Daher hat die Sprache auch keine Worte, um das, was in der Seele willensartiger Natur ist - Instinkt, Trieb, Begierde -, wenn es vom Ich erfasst wird, zu unterscheiden. Aber im allgemeinen bezeichnen wir das beim Menschen, was als Instinkt, Trieb, Begierde vom Ich erfasst wird, als Motiv. Wir wissen daher: Tiere können wohl Begierden haben, aber keine Motive. Erst beim Menschen wird die Begierde erhoben, indem er sie in die Seelenwelt hereinnimmt, und dadurch wird der starke Antrieb bewirkt, innerlich ein Motiv zu fassen. Bei ihm erst wird die Begierde zum eigentlichen Willensmotiv. Im Menschen lebt noch von der Tierwelt her Instinkt, Trieb und Begierde, aber er erhebt diese zum Motiv. Wer den Menschen beobachtet hinsichtlich seiner Willensnatur, der wird sich sagen: Weiß ich beim Menschen, was seine Motive sind, so erkenne ich ihn. - Aber nicht ganz! Denn es klingt leise unten etwas an, wenn der Mensch Motive entwickelt, und dieses leise Anklingende muss nun sehr, sehr stark berücksichtigt werden.
 

Wunsch, Vorsatz, Entschluss - Geistselbst, Lebensgeist, Geistmensch

Da ist zunächst eines, das auch, wenn wir Motive haben, immer noch im Willen wirkt, der Wunsch. Jenen leisen Anklang von Wünschen nehmen wir besonders dann stark wahr, wenn wir irgend etwas ausführen, das einem Motiv in unserem Willen entspringt, und wenn wir zuletzt darüber nachdenken und uns sagen: Was du da ausgeführt hast, das könntest du noch viel besser ausführen. Es wäre traurig, wenn wir mit irgend etwas vollständig zufrieden sein könnten, denn es gibt nichts, was wir nicht auch noch besser machen könnten. Auf diesem Gebiet wird ja viel gesündigt. Die Menschen sehen etwas wer weiß wie Großes darin, wenn sie eine Handlung bereuen. Das ist aber nicht das Beste, was man mit einer Handlung anfangen kann, denn die Reue beruht vielfach auf einem bloßen Egoismus: man möchte etwas besser getan haben, um ein besserer Mensch zu sein. Das ist egoistisch. Unegoistisch wird unser Streben erst dann, wenn man nicht die schon vollbrachte Handlung besser haben möchte, sondern wenn man viel größeren Wert darauf legt, in einem nächsten Fall dieselbe Handlung besser zu machen. Der Vorsatz, den man so fasst, die Anstrengung, das nächste Mal eine Sache besser zu machen, ist das Höchste, nicht die Reue. Und in diesen Vorsatz klingt der Wunsch noch hinüber, so dass wir uns wohl die Frage stellen dürfen: Was ist es, was da als Wunsch mitklingt? Für den, der die Seele wirklich beobachten kann, ist es das erste Element von alldem, was nach dem Tod übrig bleibt. Das gehört schon dem Geistselbst an. Nun kann sich der Wunsch mehr konkretisieren, kann deutlichere Gestalt annehmen. Dann wird er dem Vorsatz ähnlich. Dann bildet man sich eine Art Vorstellung davon, wie man die Handlung, wenn man sie noch einmal machen müsste, besser machen würde. Aber auf die Vorstellung lege ich nicht den großen Wert, sondern auf das Gefühls- und Willensmäßige, das jedes Motiv begleitet. Da kommt bei uns das so genannte Unterbewusste des Menschen zu starker Auswirkung. In jedem Menschen sitzt unten, gleichsam unterirdisch, der andere Mensch. In diesem anderen Menschen lebt auch der bessere Mensch, der sich immer vornimmt, bei einer Handlung, die er begangen hat, in einem ähnlichen Fall die Sache das nächste Mal besser zu machen, so dass immer dieser Vorsatz, der unbewusste, unterbewusste Vorsatz leise mitschwingt. Und erst wenn die Seele einmal vom Leib befreit sein wird, wird aus diesem Vorsatz der Entschluss. Der Vorsatz bleibt ganz keimhaft in der Seele liegen. Dann folgt der Entschluss, der im Geistmenschen sitzt, später nach.