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Allgemeine Menschenkunde (9)

Zweigliederung, Erhaltung der Kraft - Absterben und Werden - Ich-Empfindung

Zweigliederung des Menschenwesens - ein Irrtum der heutigen Psychologie

Der gegenwärtige Lehrer muss im Hintergrund von allem, was er schulmäßig unternimmt, eine umfassende Anschauung über die Gesetze des Weltalls haben. Es ist ja selbstverständlich, dass gerade der Unterricht in den unteren Klassen, einen Zusammenhang der Seele des Lehrenden mit den höchsten Ideen der Menschheit fordert. Wir bringen im Unterricht auf der einen Seite die Naturwelt an das Kind heran, auf der anderen Seite die geistige Welt. Die psychologische Erkenntnis unserer Zeit leidet unter der Nachwirkung jener kirchlichen dogmatischen Feststellung, die im Jahre 869 gefallen ist, und in der eine ältere, auf einer instinktiven Erkenntnis beruhende Einsicht verdunkelt worden ist: die Einsicht, dass der Mensch in Leib, Seele und Geist gegliedert ist. Die Psychologen reden heute fast überall von einer bloßen Zweigliederung des Menschenwesens. Sie reden davon, der Mensch bestehe aus Leib und Seele oder aus Körper und Geist. Sie betrachten dann Körper und Leib und ebenso auch Geist und Seele als ziemlich gleichbedeutend. Man kann gar nicht zu einer wirklichen Einsicht in die menschliche Wesenheit kommen, wenn man sich nur dieser Zweigliederung als einem durchgreifend Gültigen zuwendet.
 

Das irreführende Gesetz von der Erhaltung der Kraft

Das beruht noch auf einem anderen großen Irrtum, der erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so groß geworden ist, weil eine eigentlich große Errungenschaft der physikalischen Wissenschaft misskannt worden ist. Es geht um das Gesetz von der Erhaltung der Energie oder der Kraft. Dieses Gesetz besagt ja, dass die Summe aller im Weltall vorhandenen Energien oder Kräfte ein konstante ist, dass sich diese Kräfte nur umwandeln, so dass etwa eine Kraft einmal als Wärme, ein andermal als mechanische Kraft erscheint. In diese Form kleidet man aber das Gesetz von Julius Robert Mayer nur dann, wenn man ihn gründlich missversteht! Denn ihm ging es um die Aufdeckung der Metamorphose der Kräfte, nicht aber um die Aufstellung eines so abstrakten Gesetzes, wie es das von der Erhaltung der Energie ist. Dieses Gesetz ist das große Hindernis, den Menschen überhaupt zu verstehen. Sobald man nämlich meint, dass niemals Kräfte wirklich neu gebildet werden, wird man nicht zu einer Erkenntnis des wahren Wesens des Menschen gelangen können. Denn dieses wahre Wesen des Menschen beruht gerade darin, dass fortwährend durch ihn neue Kräfte gebildet werden. Der Mensch ist in dieser Welt das einzige Wesen, in welchem neue Kräfte und sogar neue Stoffe gebildet werden. Aber da die heutige Weltanschauung solche Elemente überhaupt nicht in sich aufnehmen will, durch welche auch der Mensch voll erkannt werden kann, so kommt sie dann mit diesem Gesetz von der Erhaltung der Kraft, das ja nicht stört, wenn man nur die anderen Reiche der Natur - das Mineralreich, das Pflanzenreich und das Tierreich - ins Auge fasst, das aber sofort alles von wirklicher Erkenntnis auslöscht, wenn man an den Menschen herankommen will.
 

Erfassen des Absterbens durch den Verstand, des Werdens durch den Willen

Wenn wir der Natur so gegenüberstehen, dass wir ihr unsere Denkseite, unsere Vorstellungsseite zuwenden, dann fassen wir von der Natur nur das auf, was in der Natur fortwährendes Sterben ist. Es ist dies ein außerordentlich gewichtiges Gesetz. Seien Sie sich ganz klar darüber: Wenn Sie noch so schöne Naturgesetze erfahren, die mit Hilfe des Verstandes, mit Hilfe der vorstellenden Kräfte gefunden sind, so beziehen sich diese Naturgesetze immer auf das, was in der Natur abstirbt. Etwas ganz anderes als diese Naturgesetze, die sich auf das Tote beziehen, erfährt der lebendige Wille, der keimhaft vorhanden ist, wenn er sich auf die Natur richtet. Was uns zunächst in den Sinnen, ganz im Umfang der zwölf Sinne, in Beziehung zur Außenwelt bringt, das ist nicht erkenntnismäßiger, sondern willensmäßiger Natur. Dem Menschen der Gegenwart ist davon die Einsicht ganz geschwunden. Daher betrachtet er es als etwas Kindliches, wenn er bei Plato liest, dass das Sehen eigentlich darauf beruhe, dass eine Art von Fangarmen aus den Augen ausgestreckt werde zu den Dingen hin. Diese Fangarme sind allerdings mit sinnlichen Mitteln nicht zu erkennen. Es ist in der Tat, indem wir die Dinge ansehen, nichts andres als nur in feinerer Weise ein Vorgang vorhanden ähnlich demjenigen, der sich abspielt, wenn wir die Dinge angreifen. Wenn Sie zum Beispiel ein Stück Kreide anfassen, so ist dies ein physischer Vorgang ganz ähnlich dem geistigen Vorgang, der sich abspielt, indem Sie die Ätherkräfte aus Ihrem Auge senden, um den Gegenstand im Sehen zu erfassen.
 

Die leibliche Grundlage der Ich-Empfindung

Der Mensch ist durch seine Augenstellung in der Lage, fortwährend diese zwei übersinnlichen Fangarme seiner Augen sich miteinander berühren zu lassen. Darauf beruht die Empfindung, die übersinnlicher Natur ist, von dem Ich. Würden wir niemals in die Lage kommen, rechts und links miteinander in Berührung zu bringen oder würde die Berührung von rechts und links eine so geringe Bedeutung haben, wie es bei den Tieren der Fall ist, dann würden wir auch nicht zu einer vergeistigten Empfindung unseres Selbst gelangen. Was für die Sinnesempfindungen am Auge und Ohr überall wichtig ist, das ist nicht so sehr das Passive; es ist das Aktive, das, was wir willentlich den Dingen entgegenbringen. Daher können Sie sich sagen: Der Mensch steht durch sein Verstandesmäßiges der Natur gegenüber und fasst dadurch alles das von ihr auf, was in ihr tot ist und eignet sich von diesem Toten Gesetze an. Was aber in der Natur aus dem Schoße des Toten sich erhebt, um zur Zukunft der Welt zu werden, das fasst der Mensch auf durch seinen ihm so unbestimmt erscheinenden Willen, der sich bis in die Sinne hinein erstreckt. Sie werden sich weiter sagen: Wenn ich in die Natur hinausgehe, so glänzt mir Licht und Farbe entgegen. Indem ich das Licht und seine Farben aufnehme, vereinige ich mit mir das von der Natur, was sie in die Zukunft hinübersendet. Und indem ich dann in meine Stube zurückkehre und über die Natur nachdenke, Gesetze über sie ausspinne, da beschäftige ich mich mit dem, was in der Natur fortwährend stirbt.