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Allgemeine Menschenkunde (7)

Gedächtnis und Phantasie - Nerv und Blut

Gedächtnis

Wenn die Antipathie nun genügend stark wird, dann tritt etwas ganz Besonderes ein. Denn wir könnten auch im gewöhnlichen Leben nach der Geburt nicht vorstellen, wenn wir es nicht mit derselben Kraft täten, die uns aus der Zeit vor der Geburt geblieben ist. Wenn Sie heute als physische Menschen vorstellen, so stellen Sie nicht mit einer Kraft vor, die in Ihnen ist, sondern mit der Kraft aus der Zeit vor der Geburt, die noch in Ihnen nachwirkt. Sie haben das Lebendige vom Vorgeburtlichen fortwährend in sich, nur haben Sie die Kraft in sich, es zurückzustrahlen. Die begegnet Ihrer Antipathie. Wenn Sie jetzt vorstellen, so begegnet jedes solche Vorstellen der Antipathie, und wird die Antipathie genügend stark, so entsteht das Erinnerungsbild, das Gedächtnis, so dass das Gedächtnis nichts anderes ist als ein Ergebnis der in uns waltenden Antipathie. Hier haben Sie den Zusammenhang zwischen dem rein Gefühlsmäßigen der Antipathie, die unbestimmt zurückstrahlt, und dem bestimmten Zurückstrahlen der bildhaft ausgeübten Wahrnehmungstätigkeit im Gedächtnis. Das Gedächtnis ist nur gesteigerte Antipathie. Wenn Sie diese ganze Prozedur durchgemacht haben, wenn Sie bildhaft vorgestellt haben, dies im Gedächtnis zurückgeworfen haben und das Bildhafte festhalten, dann entsteht der Begriff. Auf diese Weise haben Sie die eine Seite der Seelentätigkeit, der Antipathie, die mit unserem vorgeburtlichen Leben zusammenhängt.
 

Phantasie

Jetzt nehmen wir die andere Seite, die des Wollens, was Keimhaftes, Nachtodliches in uns ist. Das Wollen lebt in uns, weil wir mit ihm Sympathie haben, weil wir mit diesem Keim, der sich erst nach dem Tod entwickelt, Sympathie haben. Ebenso wie das Vorstellen auf Antipathie beruht, so beruht das Wollen auf Sympathie. Wird nun die Sympathie genügend stark, dann entsteht aus Sympathie die Phantasie. Und bekommen Sie die Phantasie genügend stark, was beim gewöhnlichen Leben nur unbewusst geschieht, wird sie so stark, dass sie wieder Ihren ganzen Menschen durchdringt bis in die Sinne, dann bekommen Sie die gewöhnlichen Imaginationen, durch die Sie die äußeren Dinge vorstellen. Wie der Begriff aus dem Gedächtnis, so geht aus der Phantasie die Imagination hervor, welche die sinnlichen Anschauungen liefert.
 

Nerv

Damit habe ich Ihnen das Seelische geschildert. Sie können unmöglich das Menschenwesen erfassen, wenn Sie nicht den Unterschied ergreifen zwischen dem sympathischen und antipathischen Element im Menschen. Diese kommen in der Seelenwelt nach dem Tod zum Ausdruck. Dort herrscht unverhüllt Sympathie und Antipathie. Ich habe Ihnen den seelischen Menschen geschildert. Der ist im physischen Leben mit dem leiblichen Menschen verbunden. Alles Seelische drückt sich aus, offenbart sich im Leiblichen, so dass sich auf der einen Seite alles das im Leiblichen offenbart, was sich in Antipathie, Gedächtnis und Begriff ausdrückt. Das ist an die Leibesorganisation der Nerven gebunden. Indem die Nervenorganisationen im Leib gebildet werden, wirkt darin für den menschlichen Leib alles Vorgeburtliche. Das seelisch Vorgeburtliche wirkt durch Antipathie, Gedächtnis und Begriff in den menschlichen Leib herein und schafft sich die Nerven. Das ist der richtige Begriff der Nerven.
 

Blut

Und ebenso wirkt Wollen, Sympathie, Phantasie und Imagination in gewisser Beziehung wieder aus dem Menschen heraus. Das ist an das Keimhafte gebunden, das muss im Keimhaften bleiben, darf daher eigentlich nie zu einem wirklichen Abschluss kommen, sondern muss im Entstehen schon wieder vergehen. Nun wird im Menschen fortwährend etwas gebildet, was immer die Tendenz hat, geistig zu werden. Aber weil man es in großer Liebe, allerdings in egoistischer Liebe, im Leib festhalten will, kann es nie geistig werden; es zerrinnt in seiner Leiblichkeit. Wir haben etwas in uns, was materiell ist, aber aus dem materiellen Zustand fortwährend in den geistigen Zustand übergehen will. Wir lassen es nicht geistig werden; daher vernichten wir es in dem Moment, wo es geistig werden will. Es ist das Blut - das Gegenteil der Nerven. Damit das Blut nicht als Geist aufwirble, damit wir es so lange, als wir auf der Erde sind, bis zum Tod in uns behalten können, deshalb muss es vernichtet werden. Daher haben wir immerwährend in uns: Bildung des Blutes und Vernichtung des Blutes durch Einatmung und Ausatmung.

Wir haben einen polaren Prozess in uns. Wir haben diejenigen Prozesse in uns, die längs des Blutes, der Blutbahnen laufen, die fortwährend die Tendenz haben, unser Dasein ins Geistige hinauszuleiten. Im Gegensatz zum Blut sind alle Nerven so veranlagt, dass sie fortwährend im Absterben, im Materiellwerden begriffen sind. Was längs der Nervenbahnen liegt, das ist eigentlich ausgeschiedene Materie; der Nerv ist eigentlich abgesonderte Materie. Das Blut will immer geistiger werden, der Nerv immer materieller; darin besteht der polare Gegensatz.