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Allgemeine Menschenkunde (6)

Vorstellung - Wille - Gefühl

Jeder Unterricht in der Zukunft muss auf eine wirkliche Psychologie gebaut werden, welche aus anthroposophischer Welterkenntnis herausgeholt ist. Nun liegt heute und auch in der Vergangenheit der letzten Jahrhunderte eine gewisse Tatsache vor, welche eigentlich eine wirkliche, eine brauchbare Psychologie gar nicht aufkommen ließ. Das muss darauf zurückgeführt werden, dass in dem jetzigen Zeitalter, in dem Bewusstseinsseelenzeitalter, bisher noch nicht eine solche geistige Vertiefung erreicht worden ist, dass man wirklich zu einer tatsächlichen Erfassung der menschlichen Seele hätte kommen können. Man hat eben vollständig versäumt - natürlich aus einer äußeren geschichtlichen Notwendigkeit heraus -, den einzelnen Menschen auch seelisch an das ganze Weltall anzuschließen. Man war nicht imstande zu begreifen, wie das Seelische des Menschen mit dem ganzen Weltall in Zusammenhang steht.
 

Vorstellung
 

Sehen wir einmal auf das, was man gewöhnlich die Vorstellung nennt. Wir müssen ja Vorstellen, Fühlen und Wollen bei den Kindern entwickeln. Also müssen wir zunächst für uns einen deutlichen Begriff gewinnen von dem, was Vorstellung ist. Vorstellung hat einen Bildcharakter. Das ergibt die Möglichkeit, dass wir mit den Vorstellungen etwas ergreifen, etwas erfassen können. Sie sind also eigentlich nicht, sie sind bloße Bilder. Wir müssen uns vorstellen, dass wir auch im gedanklichen Tätigsein nur eine bildhafte Tätigkeit haben. Also alles, was auch nur Bewegung ist im Vorstellen, ist Bewegung von Bildern. Aber Bilder müssen Bilder von etwas sein, können nicht Bilder bloß an sich sein. Wenn wir genau in diesem Sinne von der vorstellenden Tätigkeit wissen, dass sie bildhaft ist, so ist zu fragen: Wovon ist das Vorstellen Bild? Darüber gibt natürlich keine äußere Wissenschaft Auskunft, darüber kann nur anthroposophisch orientierte Wissenschaft Auskunft geben. Vorstellen ist Bild von all den Erlebnissen, die vorgeburtlich bzw. vor der Empfängnis von uns erlebt sind. Sie kommen nicht anders zu einem wirklichen Begreifen des Vorstellen, als wenn Sie sich darüber klar sind, dass Sie ein Leben vor der Geburt, vor der Empfängnis durchlebt haben. Und so wie die gewöhnlichen Spiegelbilder räumlich als Spiegelbilder entstehen, so spiegelt sich Ihr Leben zwischen Tod und neuer Geburt in dem jetzigen Leben, und diese Spiegelung ist das Vorstellen. Auf diese Weise, indem die Tätigkeit, die Sie vor der Geburt bzw. Empfängnis in der geistigen Welt ausgeführt haben, durch Ihre Leiblichkeit zurückgeworfen wird, dadurch erfahren Sie das Vorstellen. Wir begreifen, dass wir im Vorstellen die Tätigkeit gespiegelt haben, die vor der Geburt oder Empfängnis von der Seele in der rein geistigen Welt ausgeübt worden ist.
 

Wille
 

Nun wollen wir uns in derselben Art nach dem Willen fragen. Der Wille ist eigentlich für das gewöhnliche Bewusstsein etwas außerordentlich Rätselhaftes, weil er den Psychologen als etwas sehr Reales entgegentritt, aber im Grunde genommen doch keinen rechten Inhalt hat. Was ist er aber eigentlich? Er ist nichts anderes, als schon der Keim in uns für das, was nach dem Tod in uns geistig-seelische Realität sein wird. Also wenn Sie sich vorstellen, was nach dem Tod geistig-seelische Realität von uns wird, und wenn Sie es sich keimhaft in uns vorstellen, dann bekommen Sie den Willen. Unser irdischer Lebenslauf endet mit dem Tod, aber der Wille geht darüber hinaus.

Wir haben uns also folgendes vorzustellen: Vorstellung auf der einen Seite, die wir als Bild vom vorgeburtlichen Leben aufzufassen haben und Willen auf der anderen Seite, den wir als Keim für Späteres aufzufassen haben. Ich bitte den Unterschied zwischen Keim und Bild recht ins Auge zu fassen. Denn ein Keim ist etwas Überreales, ein Bild ist etwas Unterreales. Ein Keim wird erst später zu einem Realen, trägt also der Anlage nach das spätere Reale in sich, so dass der Wille in der Tat sehr geistiger Natur ist.
 

Gefühl
 

Nun haben Sie in einer gewissen Weise das menschliche Seelenleben in zwei Gebiete zerteilt: in das bildhafte Vorstellen und in den keimhaften Willen; und zwischen Bild und Keim liegt eine Grenze. Diese Grenze ist das ganze Ausleben des physischen Menschen selbst, der das Vorgeburtliche zurückwirft, dadurch die Bilder der Vorstellung erzeugt, und der den Willen sich nicht ausleben lässt und dadurch ihn fortwährend als Keim erhält, bloß Keim sein lässt. Durch welche Kräfte, so müssen wir fragen, geschieht denn das eigentlich?

Wir müssen uns klar sein, dass im Menschen gewisse Kräfte vorhanden sein müssen, durch welche die Zurückwerfung der vorgeburtlichen Realität und das Im-Keim-Behalten der nachtodlichen Realität bewirkt wird. Und hier kommen wir auf die wichtigsten psychologischen Begriffe: Spiegelungen von Antipathie und Sympathie. Wir werden ja, weil wir nicht mehr in der geistigen Welt bleiben können, herunterversetzt in die physische Welt. Wir entwickeln, indem wir in diese herunterversetzt werden, gegen alles, was geistig ist, Antipathie, so dass wir die geistige vorgeburtliche Realität zurückstrahlen in einer uns unbewussten Antipathie. Wir tragen die Kraft der Antipathie in uns und verwandeln durch sie das vorgeburtliche Element in ein bloßes Vorstellungsbild. Und mit demjenigen, was als Willensrealität nach dem Tod hinausstrahlt zu unserem Dasein, verbinden wir uns in Sympathie. Dieser zwei, der Sympathie und der Antipathie, werden wir uns nicht unmittelbar bewusst, aber sie leben in uns unbewusst und sie bedeuten unser Fühlen, das sich fortwährend aus einem Rhythmus, aus einem Wechselspiel zwischen Sympathie und Antipathie zusammensetzt.