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Allgemeine Menschenkunde (2)

Erziehungsaufgabe, Entwicklungsepochen, Egoismus, Geburt

Der moralisch-geistige Aspekt der Erziehungsaufgabe

Unserer Erziehungsaufgabe werden wir nur gerecht, wenn wir sie nicht nur als eine intellektuell-
gemütliche betrachten, sondern als eine im höchsten Sinne moralisch-geistige. Wir müssen uns bei einer solchen Aufgabe bewusst sein, dass wir hier nicht nur als nach dem physischen Plan lebende Menschen arbeiten. Diese Art, sich Aufgaben zu stellen, hat gerade in den letzten Jahrhunderten besonders an Ausdehnung gewonnen, hat fast einzig und allein die Menschen erfüllt. Unter dieser Auffassung der Aufgaben ist dasjenige aus Erziehung und Unterricht geworden, was eben gerade verbessert werden soll. Daher müssen wir uns wieder darauf besinnen, wie wir im einzelnen die Verbindung mit den geistigen Mächten herstellen, die imaginierend, inspirierend und intuitierend hinter uns stehen sollen.
 

Entwicklungsepochen der Menschheit

Es obliegt uns, die Wichtigkeit unserer Aufgabe zu empfinden. Unsere pädagogische Aufgabe wird sich ja unterscheiden müssen von den pädagogischen Aufgaben, die sich die Menschheit bisher gestellt hat. Aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus wird klar, dass die aufeinander folgenden Entwicklungsepochen der Menschheit dieser Menschheit immer andere Aufgaben stellen werden. Und es ist nun einmal so, dass dasjenige, was in der Entwicklungsepoche der Menschheit getan werden soll, dieser Menschheit erst einige Zeit, nachdem diese Entwicklungsepoche begonnen hat, zum Bewusstsein kommt. Die Entwicklungsepoche, in der wir heute stehen, hat in der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen. Heute erst kommt gewissermaßen aus den geistigen Untergründen heraus die Erkenntnis, was gerade in Bezug auf die Erziehungsaufgabe innerhalb dieser unserer Epoche getan werden soll.
 

Hinordnung der Kultur auf den Egoismus der Menschen

Vergessen Sie nicht, indem Sie sich Ihrer Aufgabe widmen, dass die ganze heutige Kultur, bis in die Sphäre des Geistigen hinein, auf den Egoismus der Menschheit gestellt ist. Betrachten Sie unbefangen das geistigste Gebiet, dem sich der Mensch heute hingibt, betrachten Sie das religiöse Gebiet am Beispiel der Unsterblichkeitsfrage, die den Menschen am tiefsten erfassen soll. Durch den Egoismus hat der Mensch den Trieb, nicht wesenlos durch die Pforte des Todes hindurchzugehen, sondern sein Ich zu erhalten. Dies ist ein, wenn auch noch so verfeinerter, Egoismus. An diesen Egoismus appelliert heute in weitestem Umfang auch jedes religiöse Bekenntnis, wenn es sich um die Unsterblichkeitsfrage handelt. Daher spricht vor allen Dingen das religiöse Bekenntnis so zu den Menschen, dass es meistens das eine Ende unseres irdischen Daseins vergisst und nur Rücksicht nimmt auf das andere Ende dieses Daseins, dass der Tod vor allen Dingen ins Auge gefasst wird, dass die Geburt vergessen wird.
 

Erziehung als Fortsetzung der Tätigkeit höherer Wesen vor der Geburt

Wir leben in der Zeit, in der dieser Appell an den menschlichen Egoismus in allen Sphären bekämpft werden muss, wenn die Menschen nicht auf dem absteigenden Weg der Kultur, auf dem sie heute gehen, immer mehr und mehr abwärts gehen sollen. Wir werden uns immer mehr und mehr des anderen Endes der menschlichen Entwicklung innerhalb des Erdendaseins bewusst werden müssen: der Geburt. Wir werden in unser Bewusstsein die Tatsache aufnehmen müssen, dass sich der Mensch eine lange Zeit entwickelt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dass er innerhalb dieser Entwicklung an einen Punkt gelangt, wo er für die geistige Welt gewissermaßen stirbt, wo er in eine andere Daseinsform übergeht, um sich weiterentwickeln zu können. Diese andere Daseinsform bekommt er dadurch, dass er sich mit dem physischen Leib und dem Lebensleib umkleiden lässt. Indem wir daher das Kind von seiner Geburt an nur mit physischen Augen anblicken dürfen, wollen wir uns dabei bewusst sein: auch das ist eine Fortsetzung. Und wir wollen nicht nur auf das sehen, was das Menschendasein nach dem Tod erfährt, also auf die geistige Fortsetzung der Physischen; wir wollen uns bewusst werden, dass das physische Dasein hier eine Fortsetzung des geistigen ist, dass wir durch Erziehung dasjenige fortzusetzen haben, was ohne unser Zutun von höheren Wesen besorgt worden ist. Das allein wird unserem Erziehungs- und Unterrichtswesen die richtige Stimmung geben, wenn wir uns bewusst werden: Hier in diesem Menschenwesen hast du mit deinem Tun eine Fortsetzung zu leisten für dasjenige, was höhere Wesen vor der Geburt getan haben.