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Lebensschule

Auf den Spuren einer zeitgemäßen Pädagogik

Weltinteresse


Was wir antreffen auf der Erde ist uns aufgegeben und anvertraut.

 
Die Welt erscheint dem, der sich wirklich auf sie einlässt, nicht mehr als ES-Welt (Welt des Erfahrens und Gebrauchens), sondern als DU-Welt.
 

Es geht um das wahre Interesse, also um geistige Liebe, bezogen auf Mensch und Welt.


Alles, was in meinen Erfahrungshorizont tritt, meint mich, fordert mich zur antwortenden Stellungsnahme auf.
Es bedeutet Ver-Antwort-ung.
 

 
Alles Lernen, alles Erziehen müsste darauf ausgerichtet sein,
den Kindern die Realität in diesem Geiste nahe zu bringen.
Eine Mitwelt, als vertrauenswürdige, freundschaftstaugliche,
dem Menschen zur Pflege und zur Gestaltung anvertraute Welt.
 

Fürsorgewahn


Die Kinder werden von der Wiege bis zum Beginn der Berufskarriere pädagogisch durchgereicht. Eine überwachte Entwicklung, in der alles, selbst die Sinneserfahrungen, zum Programmpunkt wird.

 
Von der Krabbelgruppe über den Kindergarten bis zur
Schule werden die Kinder herumkutschiert,
begleitet von der Angst der Eltern.
 

Es herrscht ein regelrechter Früherkennungs- und Fürsorgewahn vor lauter Angst, das Kind könnte sich vielleicht ein bisschen irregulär entwickeln.


Und immer ist schon in der Stufe vorher eine riesige Sorge, dass das Kind auch das nächste Entwicklungsziel erreicht.
 

 
Jeder, der ein Herz für Kinder hat, fühlt, dass etwas in Schieflage geraten ist,
wenn Kinder nach Plan eine Entwicklung durchlaufen.
Die Welt, unsere Lebensverhältnisse haben sich dahingehend verändert,
dass den Kindern bestimmte elementare Erlebnisbereiche zunehmend abhanden kommen.
Der Verlust der kindgemäßen Erlebnisspiel- und Bewegungsräume
ist heute eine große Not für die Kinder.
Unkontrollierte Freiräume, die unsere Organisationsentwicklung zugeschüttet hat,
müssen heute für die Kinder zurückerobert werden.
 

Die PISA-Lücke


Unter dem Eindruck der PISA-Studie soll nun die Leistungsschraube angezogen und das intellektuelle Kopflernen forciert werden.

 
Ganz entscheidende Fähigkeiten, die man fürs Leben braucht, wurden in dieser Studie nicht nur vernachlässigt, sondern übergangen. Das räumen die Autoren auch ganz offen ein. Sie sind ganz dem gängigen, oberflächlichen Intelligenzbegriff verpflichtet.
 

Die Studie erfasst kaum etwas, was wir im humanistischen Sinne unter Bildung verstehen:
Originalität und Kombinationsvermögen,
der Rückgriff auf Abgelegenes,
das Denken in Zusammenhängen und Strukturen.


Zurückdenken und Vorausdenken, Erinnern und Entwerfen wie überhaupt alles, was ein fundiertes Urteil verlangt, stand nicht auf dem Programm.
 

 
Wie entsteht denn nun naturwissenschaftliche Kompetenz?
Es heißt, eine wirkliche persönliche Beziehung zu der Welt aufzubauen,
die zunächst als Ding-Welt vor uns liegt,
die uns dann in Naturgesetzen durchschaubar werden soll
und dann in einem dritten Schritt auch zu abstrakten Überlegungen führen kann,
die aber erlebnisgesättigt sein müssen, die tief innerlich - mit dem Gemüt - verstanden werden wollen.
Naturwissenschaftliche Kompetenz, mathematisch-logische Kompetenz
setzt Begegnungserlebnisse voraus, sonst wirken die Abstraktionen krankmachend.
 

 
Nicht zufällig sträuben sich die Kinder in immer größerer Zahl gegen bestimmte Arten des Lernens.
Das ist ein Appell an Eltern, Lehrer und Erzieher, sich zu fragen, was sie falsch machen!

Man betrachtet dieses Abwehr- oder Verweigerungsverhalten meist als ein Defizit.
Das Kind hat Teilleistungsstörungen, Dyslexie, Legasthenie, Dyskalkulie.
Diese Phänomene sind eher als soziale Konstruktionen von Krankheiten zu sehen.

Die Kinder können deshalb unseren Lernanforderungen nicht genügen,
weil wir ihnen nicht zur Anknüpfung an die Wirklichkeit verhelfen.
 

Wirklichkeitsverlust


Die kindliche Fantasie wird heute zugeschüttet
mit medialen Ersatzwelten. Dies führt zu fortschreitendem Wirklichkeitsverlust.

 
Was heißt Wirklichkeit?
Wirklichkeitskonstituierend ist das kindliche Spiel,
ist die Begegnung mit den Naturreichen,
ist ein richtiges Gespür für die eigene Leiblichkeit,
bis hin zur eigenen Bewegungsgestalt,
das Sich-selbst-lebendig-Fühlen
in freien Spiel- und Bewegungsräumen.
 

Das Sich-Einleben in die Leibesverhältnisse,
in die Bewegungsgesetze der Welt,
in die wirkliche Wirklichkeit
soll im freien, ungezwungenen Spiel geschehen
und nicht übungsmäßig als motorisches Training.


Konstitution von Wirklichkeit ist ein kontinuierliches,
sich langsam aufbauendes, sicheres Gefühl des Daseins
hier auf der Welt, ein Grunddaseinsvertrauen.
Die technisierten Lebenswelten erschweren den Kindern zunehmend dieses Heimischwerden.
 

 
Die moderne Kommunikations- und Informationstechnik
(Fernsehen, Mikroelektronik, Computer, Mailbox, Internet)
ist nicht weniger als ein Angriff auf das Wesen des Menschen,
auf das Gesamte seiner Lebensäußerungen und seines Weltverhaltens,
wenn nicht ein Ausgleich geschaffen wird.
Dazu gehört, dass ein verfrühter und unbegleiteter Medienkonsum
einen Angriff auf das kindliche Wesen bedeutet.
 

Cyberwelten


Zum Wirklichkeitsverlust,
der durch die Medien gefördert wird,
gehört das Problem der virtuellen Welten. Virtuelle Welten sind Möglichkeitsrealitäten
und deuten eigentlich auf eine lebensnotwendige und lebensbereichernde seelische Fähigkeit,
die nur dem Menschen zur Verfügung steht.

 
Was steckt dahinter?
Die Sehnsucht nach einer anderen Welt,
in der alles Leid und alle Freiheitsbegrenzung
und auch alle Schuld von uns genommen wäre,
die Sehnsucht nach der Überwindung der Materie
und der biologischen Natur.
 

Zur Zeit arbeitet man daran, die visuellen Medien dahingehend zu perfektionieren,
dass die Erlebniswelten völlig realistisch wirken und alle Sinne ansprechen (Cyberspace).


Neben Fernsehen und Internet haben sich regelrechte kollektive Parallelkosmen in die wirkliche Wirklichkeit hineingeschoben (z.B. Perry Rhodan), die für immer mehr junge Menschen zu einer wirklichen Alternativwelt wurden.
Die Sehnsucht wächst, immer länger in einer solchen Parallelwelt oder Ersatzwelt mit ihren eigenen Gesetzen
und Geschichten unterzutauchen.
 

 
Der Mensch hat zur Genüge bewiesen, dass er auf Dauer nichts anderes Zustande bringt,
als die eigenen Lebensgrundlagen zu ruinieren, also sich selbst abzuschaffen.
Die Trauer über die Vernichtung der Lebensgrundlagen,
über die Zurückdrängung der göttlichen Schöpfung,
über den Verlust der Daseinsgewissheit,
schlägt in eine Haltung um, die den ostentativen Bruch mit der Wirklichkeit betreibt.

Wir können nicht zurück ins Paradies. Wir können nicht zurück zur Natur.
Das wäre das Ende der menschlichen Zivilisation.
Statt dessen ist von uns die Mühsal des Vorwärts gefordert,
brauchen wir die extreme Anstrengung,
brauchen wir einen Innovationsschub ohnegleichen,
um das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wieder herzustellen.

Das heißt, das Ziel der künftigen technischen Revolution muss lauten, vorwärts zur Natur.
Die Menschheit hat nicht nur die ethische Verpflichtung,
sondern verfügt über alle geistigen Kapazitäten und technischen Möglichkeiten,
um sich des Wesens Erde, dem sie so unendlich viel verdankt,
nach einer langen Periode des Raubbaus und der Ausplünderung,
nunmehr pflegend anzunehmen, es wieder aufzurichten, sich tätig bei ihm zu entschuldigen,
es zu umsorgen, wie ein Gärtner seinen Garten umsorgt,
eine Zeit der Abbitte an die Natur einzuleiten,
in der nicht mehr die Losung gilt 'Machet euch die Erde untertan',
sondern: Stellt eure ganze Klugheit in den Dienst der Erde und gewinnt sie als Freundin zurück.
 

Aus Leibeskräften brüllen


Wie können wir die heranwachsenden jungen Menschen mit den Kräften ausstatten, die sie brauchen, um auf gesunde Weise Widerstand zu leisten gegen diese Entwicklung?

- gegen Wirklichkeitsverlust
- für ein gesundes Identitätsgefühl
- für Erlebnisräume, die dem Einfluss der Maschine entzogen sind

 
Ohne ein stabiles Körpergefühl, ohne Sinnlichkeit,
ohne authentisch erlebnisgesättigten Wirklichkeitsbezug
kann kein kraftvolles Ich-Gefühl aufgebaut werden.
 

Die Hauptgefahr der kommenden Generationen liegt im 'multiplen Persönlichkeitszerfall'
als Folge der zunehmenden Ununterscheidbarkeit von 'real life' und 'virtual life', sowie als Resultat einer immer naturferneren, also entsinnlichten, entkörperlichten Lebens- und Erlebnisweise.


Die daraus abzuleitende Forderung,
pädagogische Räume bereitzustellen,
in denen die Kinder auf spielerische Art
an elementare Erlebnisfelder
- so genannte Primärerfahrungen -
herangeführt werden,
wird zwar schon allgemein als wichtig erkannt,
aber zumindest im schulischen Bereich zu wenig,
viel zu wenig, umgesetzt.
 

 
Heute müssen wir den Kindern Möglichkeiten zurückgeben,
ihre natürliche Wildheit wieder zu finden und auszuleben,
weil ihr ganzes Leben auf eine vollkommen unkindgemäße Weise
begradigt, viereckig, kanalisiert und überdiszipliniert ist.
Die natürliche Vitalität, die jedes normale Kind zu impulsiven Reaktionen veranlasst,
braucht wieder ihr kindliches Anrecht zurück.
Mittendrin, wenn einer etwas erzählt, aufspringen, einen Schrei lassen,
das ist doch ganz und gar kindlich!
Normale Impulsivität und Bewegungsfreude gehören aber heute schon zu den Leitsymptomen
eines inflationär diagnostizierten Krankheitsbildes.

Ja, was tut so ein wilder kleiner Kerl, wenn er nicht mit Tannenzapfen im Wald schmeißen kann?
Er schmeißt im Klassenzimmer mit Kreide.
Und wenn man nicht auf Bäume klettern darf, dann klettert man auf Schulbänken herum.
Und wenn man nie Gelegenheit hat, das Lager der verfeindeten Räuberbande mit Gebrüll zu erobern,
dann brüllt man eben im Unterricht.
Nur, wenn ein Kind des öfteren mit Kreide schmeißt, auf Bänken turnt und losbrüllt,
dann gilt es heute als krank.
 

Begegnungen


Zu einem deutlichen Ich-Erlebnis
gehören jedoch nicht nur Körpergefühl, Bewegungssicherheit und Sinneserfahrung,
sondern die Ich-Du-Begegnung,
wie sie nur zwischen Menschen möglich ist
und eine ganze Biographie prägen kann.

Ein zweites Moment sind Erfahrungen
des geheimnisvollen Angerührtseins
von der göttlichen Schöpfung.

 
Oft sind es kleine Momente der staunenden Aufmerksamkeit, der Innigkeit von Angesicht zu Angesicht,
mit der Mutter, mit irgendeinem anderen Menschen.
 

Diese Momente kann man in einer biographischen Spurensuche wieder finden und bemerken:
Hier wurzle ich.
Hier wurzelt mein wahres Selbstgefühl,
in diesen unspektakulären Momenten
wirklicher Nähe.


Auf der Suche nach verschütteten Bildern seines Lebens, seiner Kindheit, tauchen diese Erinnerungsinseln der Bedeutsamkeit wieder auf.
 

 
Was ist denn das Wesentliche im Leben, das in einem tieferen Sinne Prägende?
Man stößt auf kleine, wundersame Begebenheiten - oft Naturbegegnungen -,
die uns mit dem Erwachsenwerden zumeist verloren gehen;
die aus unserem rationalen, egoitär-angstbesetzten,
an äußeren Erfolgen und materiellen Werten orientierten,
auf das Grelle und Spektakuläre konditionierten Bewusstsein verschwunden sind;
die sich jedoch, wieder freigelegt, als Kraftquellen erweisen,
aus denen uns das wahre Identitätsgefühl, das wahre Selbstwertgefühl zuströmt.
Man spürt sofort, wenn man auf solche vergessenen Bilder stößt:
In diesen spielerischen Momenten, Momenten der Innigkeit, der Andacht,
des zweckfreien, absichtslosen Hingegebenseins war ich ganz bei mir.

Im Rückblick auf die - ästhetische - Biographie
zeigen sich diese beiden Urerlebnisse menschlichen Seins:
soziale Erfahrungen in der Begegnung mit einem anderen Menschen
und die Begegnung in der Natur.
Die Kinder laufen heute Gefahr, solche Erlebnisse nicht mehr haben zu können.
 


Lebensschule


Soziales Lernen und Lernen in einer lebendigen Weltbegegnung
ist dasjenige, was geleistet werden muss,
damit die Kinder einer weiterhin sich rasant verändernden Welt später psychisch gewachsen
sein werden, und nicht in erster Linie, ob sie gut in Rechtschreibung und Rechnen sind.

Es ist eigentlich ein in der Lernpsychologie unumstrittenes Phänomen,
dass viel mehr Lernstoff in viel kürzerer Zeit zu bewältigen ist,
wenn das allgemeine seelische Wohlbefinden der Schüler gestärkt,
ihnen der Angststress genommen, das Lernen stark an die Praxis angebunden,
die Motivation gefördert und ein ‚soziales Wärmefeld’ geschaffen wird;
oder andersherum:
dass die Kinder in viel längerer Zeit viel weniger lernen,
wenn sie im Versagensangstschweiß ihres Angesichts
oder tödlich gelangweilt fünf Stunden täglich die Schulbank drücken müssen.
Man weiß um diese Dinge. Aber man richtet sich nicht danach.


Eine künftige Pädagogik wird sich auf spielerisch-kreative, praxisbezogene,
sinneserfahrungsgesättigte, interaktive, naturnahe Lern- und Arbeitsformen gründen müssen.
Das sind die aus der Zeitlage sich ergebenden Forderungen. Schule muss Lebensschule werden.
Und jede Schule muss – das ist das Allerwichtigste –
ein wirklich soziales Wärmefeld sein in diesen Zeiten, in denen die Kinder frieren.
Eine Heimat. Wo findet man Heimat?
Wo man sich erkannt, wahrgenommen, angenommen, beschützt, aufgehoben fühlt.
Wertschätzung ist das Zauberwort.
Wertschätzung, die nicht an tausend Bedingungen geknüpft wird. (Dann ist es ja keine!)
Und natürlich darf nie der Anspruch aufgegeben werden, dass Schule ein Ort sein müsse,
an dem Lehrerpersönlichkeiten wirken,
die aus einem wahrhaft spirituellen Menschenverständnis heraus den Kindern zur Seite stehen
und eine Ahnung davon haben, was eigentlich Schicksalsbegleitung bedeutet.
 

Lebensschule

der NEUE Mensch